Wir sitzen zu zweit in der Küche und ich öffne ein Päckchen, das gerade mit der Post gekommen ist. Darin liegen Gutscheine für Rabatte bei einem Reisevermittler, einer online-Drogerie und einer Datingplattform. “So ein Scheiß, wer braucht denn sowas?” murmle ich vor mich hin. Meine Mitbewohnerin: “Och du, es gibt viele Leute, die nicht die Zeit haben…”, sie schaut mich an, “…jemanden auf Twitter kennen zu lernen.”
100 Punkte für die Kandidatin.
Am Anfang waren es zwanzig Kilometer. Die waren die weitesten, ohne Führerschein und mit einer Zugverbindung, über die der Schalterbeamte lachen mußte. Später schmolz dieses Problem auf das kleinere, ein Auto aufzutreiben. Wenn sie einander nicht besuchten, telefonierten sie, oder sie schrieben sich Briefe und Karten. Sie liebten sich mit der ganzen Abgeklärtheit ihres Alters: Laß uns einander nie, niemals zur Last fallen. Und dann strahlten sie.
Die Entfernung wuchs: Er studierte anderswo, da hielt es auch sie nicht, und sie vergrößerte den Abstand um einige hundert Kilometer. Sie verbrachten viel Zeit in Zügen und waren Paar am Wochenende. Aber nur, wenn du wirklich nichts anderes vorhast, ja?
Bald kam ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, und er verließ das Land. Mein Freund ist in Amerika, sagte sie und glaubte es selbst fast nur, wenn sie die fremden Briefmarken sah. Achttausend Kilometer, sprach sie vor sich hin; frequent flyer. Am Telefon machten sie einander großzügig Angebote: Ich möchte dich nicht gefangen halten. Wenn du nicht mehr willst … Und dann reisten sie wieder. Zeit war zu knapp für Alltag; Tränen fielen nur beim Abschied oder kurz danach.
Nach zu vielen interkontinentalen Jahren wollte sie Wurzeln und eine Sprache, in der sie sich zuhause fühlte. Ihm dagegen stand die Welt offen, auf jedem Erdteil eine Tür, und eine Weile dachten sie, jedes für sich, an getrennte Wege.
Dann kam er doch nach Hause; noch auf der Reise war es, um sein neues Leben mit ihr ans alte anzuknüpfen. Aber den Husten, den er mitbrachte, hatte er nicht von der Klimaanlage im Flieger: das machte Entfernungen plötzlich gleichgültig. Ihre Zeit teilte sie nun in Arbeitsstunden und die bei ihm auf der Station. Die Prognose war gut, die Ärzte in Maßen zuversichtlich; ein so junger, kräftiger Mann … Er sagte: Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte andere Prioritäten gesetzt. Sie sagte: Ich würde dich so gerne anfassen dürfen.
Als er starb, gab es keinen Abschied. Sie konnte ihn nicht einmal bis zur Tür begleiten. Bei seiner Beerdigung trug sie Weiß, um überhaupt etwas zu sehen; danach wartete sie eine Weile, ob sie ihm nicht doch noch folgen würde. Schließlich widmete sie sich wieder ihrem Leben. Strecken maß sie weiterhin in Kilometern, aber die Zeit war eine andere geworden, flüchtig, keineswegs mehr verläßlich oder gar berechenbar.
by lakritze
Bei Lakritze habe ich diese Geschichte gelesen (Danke) und stehe ihr berührt hilflos gegenüber. Wie wenn der Wecker klingelt und man schon vergessen hatte, dass man wird aufwachen müssen.
Zeit ist immer gleich vorbei. Man hat sie, wenn man nur will und es gibt nichts, was wertvoller ist. Ohmeingott, was habe ich für eine Angst, das zu vergessen. Was mir diese Geschichte gibt, haben andere schon anders formuliert: “Mitunter läuft man Gefahr, sich selbst unähnlich zu werden.” Focus. Es gibt immer ein Ziel.
Ich arbeite Tag und Nächte.
Da bleibt mir viel freie Zeit.
Um ein Bild im Zimmer zu fragen, wie ihm die Arbeit gefällt,
um die Uhr zu fragen, ob sie müde ist,
und die Nacht, wie sie geschlafen hat.
Nichts wird nicht davon besser, dass man merkt, dass man sich selbst noch am meisten leid tut. Irgendwann ist alles Vergangenheit. Auch alles Übel, sowohl das große, als auch das kleine. Und auch Pest und Cholera. Bis wohin reicht mein Leben und wo beginnt die Nacht?
Die Zeit vergeht.
Zum Vergessen lege ich mich schlafen und zum Atmen sprinte ich über feuchte Erde. Es riecht sehr laut nach Wald.
Dann ist da ein Freitag.
Was ich vor meinem inneren Auge sehe, wenn ich diese Musik höre, macht meine Netzhaut taub. Wenn es draußen laut ist, ist es vielleicht endlich innen still. Und als ich die Augen wieder aufmache, ist die Tanzfläche leer und ein anderer Tag. Dabei hat der DJ doch nur drei Lieder gespielt. Wie kann es schon halb sechs in der früh sein?
Dann ist da ein Sonntag.
Meine neue Mitbewohnerin klopft und fragt:”Was tust Du da?” -”Inszeniere mein ungeschriebenes Theaterstück.” Wortlos schließt sie die Tür.
Die Zeit heilt alle Wunder – Ich bin ein Vorgang, legt mich zu den Akten.
Aber um dort anzukommen wo alles vorbei ist, dazu muss man erst mal losgehen. Vielleicht stellt man sich unüberwundenen Pfaden, steinigen Routen in Höhen wo die Luft so dünn ist, dass ihre Existenz verneint werden kann oder stolpert nur mit hängendem Kopf über löchrigen Asphalt. Aber man muss los gehen. Ohne Start kein Ziel. Vielleicht kommt da jemand, der spendet einem Windschatten, vielleicht gibt es Rückenwind. Aber reinhauen, das muss man selbst. Den Zeitpunkt bestimmt man sehr oft auch noch selbst. Bis man anfängt kann man noch ein bisschen weinen, jammern, klagen. Vielleicht, weil es wirklich so schlimm ist. Vielleicht, weil man meint, man müsse jetzt jammern. Vielleicht aber auch nur aus Eitelkeit.
Genug. Muss los. Universe applauds action, not thoughts. Ich ziehe mir die Laufschuhe an und gehe los. Die Schulterklappen haben sich schon zu Flügeln ausgewachsen.