Im April 2007 hat Gene Weingarten für das Wahington Post Magazine darüber geschrieben, was geschieht, wenn man einen großartigen Musiker auf einem fantastischen Instrument in einer Metro Station in Washington D.C. unangekündigt Bach spielen lässt. Die Frage dahinter war, ob die Menschen in ihrer Eile stehen bleiben, genießen können würden. Mittlerweile ist daraus regelrecht eine Urbanlegend geworden – eine wahre. Vergleichbar ist vielleicht, dass Bruce Springsteen vor rund 20 Jahren in Kopenhagen bei einem Straßenmusiker stehen blieb und mit ihm spielte. Auch hier ist das nur wenigen Menschen aufgefallen. (more…)
Sie trägt einen jägergrünen Mantel, einen safranfarbenen Schal und ihre Haare sind von Natur aus kupferfarben. Sie ist nicht von hier. Sie ist noch nicht lange hier und sie ist nicht gern hier. Wie viele andere lebt sie auf engem Raum in einem Studentenwohnheim. Sie mag aber die Weite. In ihrem Land ist es lange dunkel, wegen des vielen Schnees aber doch so hell, dass Dir schnell die Augen weh tun, wenn Du in die weiße Wüste blickst. Hier ist alles klein und eng. Auch die Geister. Auch die Sprache. Sie versteht so vieles nicht, obwohl sie gerne würde.
An einem Dienstagmorgen steht sie an der Bushaltestelle. Es hat in der Nacht gefroren. An den Scheiben (more…)
Neulich fuhr ich Bus. Ich fuhr irgendwo los. Dorthin, wo diese Geschichte los geht. In den Norden der Stadt. Keine schöne Ecke, aber man kann als Mädchen nachts noch alleine rausgehen, ohne um sein Leben oder seine Unschuld bangen zu müssen (in Portraits der öffentlich-rechtlichen Fersehsender würde die Erzählerin aus dem Off jetzt sagen: “Ich hatte beruflich dort zu tun.”, was aber auch niemandem nichts erklärt). An einer großen Bushaltestelle wollte ich einen Bus zurück ins Zentrum nehmen. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, betrat ich die Bäckerei, vor der die Bushaltestelle sich heute noch befindet und äußerte einer Verkäuferin gegenüber meine Absicht ein Buttercroissant zu erwerben. Es war 15:38 Uhr. Sie sagte nein. Wie meinen? Nun, es täte ihr leid, aber sie hätte das letzte Buttercroissant für heute – man würde in wenigen Minuten schließen – dem Herren neben mir verkauft. Der Herr neben mit wartete auf einen Automatenkaffee von irgendwo hinter der Verkaufstheke. Der Herr stellte sich als sehr freundlich heraus und schenkte mir das Croissant. Im Gegenzug zahlte ich seinen Kaffee. Mir fielen seine unglaublich blauen Augen auf. Schönen Feierabend noch, liebe Bäckereifachverkäuferin.
Später sprach er mich an. Er wolle zum Rathaus, ob dieser Bus dahin führe? Da die Antwort darauf “Nein, aber doch” lautete, unterhielten wir uns kurz und er enthüllte eine erstaunliche Ortskenntnis für jemanden, der nicht weiß wo eine der Hauptbuslinien hält. Auch bei seiner Frage nach der sinnvollsten Fahrkarte konnte ich ihm weiterhelfen. Ich stieg ein. Als er beim Fahrer eine Karte gekauft hatte, bedeutete ich ihm, er könne sich neben mich auf einen der wenigen freien Plätze im Bus setzen. So he did. We talked. Er fragte nie nach meinem Namen. Er war sehr höfflich. Er hatte unfassbar blaue Augen. Er war zum Geburtstag seiner Mutter in der Stadt, womöglich ihr letzter, man wisse ja nie. Eigentlich würde er in Argentinien leben, hätte dort aber gerade seinen Haushalt aufgelöst. Jetzt führe er in die Stadt um für seine Mutter Strumpfwolle zu kaufen. Ob ich mich für Kunst interessierte? Er wäre in der aktuellen Picasso-Ausstellung gewesen. Ganz schön. Ja, er hätte dem Museum seinen Picasso für die Dauer der Ausstellung geliehen. Er lächelte in meine überraschten Augen. Ich würde doch sicherlich viel lesen? Als er meinen Lebensentwurf, gefühlt den Entwurf eines kleinen Mädchens, welches nichts weiß, kennt und nur einfach-so-will, sah er mich fast stolz an. Vielversprechend. Verständnis. Vorbeigehen.
Ich stieg aus. Als der Bus an mir vorbei fuhr, nickte er mir zu. Ich glaube ihm noch heute jedes Wort. Seit dem fahre ich viel lieber Bus.