Saarbrücken ist selten schön. Saarbrücken hat viele Problemzonen. Saarbrücken ist trotzdem lebenswert.
Jede Woche gehe ich ein Mal an diesem Geschmiere vorbei und jede Woche freue ich mich erneut drüber. Sogar dort wo die Problemviertel dieser Stadt am dunkelsten sind, gibt es Hoffnung. Das Leben kann so schön sein.
Was sieht er bitter aus. Gegenüber, auf der anderen Seite des Hinterhofs, wohnt ein Typ - allein. In einer viel zu großen Wohnung. Manchmal seh ich ihn, meist aber nur seine Klamotten, die er abends über die Leinen auf dem Balkon aufhängt und erst nach Tagen abnimmt. Und jetzt: Mehr Ränder als Augen, volle Aschenbecher und leere Flaschen. Das kannte ich auch.
Tage später seh ich den drüben halbherzig die Flaschen in Plastiktüten packen. Zugenommen hat er auch. Unrasiert. Der Typ nimmt ein Telefonat an, raucht in dem fünfzehnminütigen Gespräch drei Zigaretten und lacht nicht. Beim letzten Blick nach drüben denk ich noch: viel Glück heut Nacht.
In der nächsten Nacht sitze ich wieder auf meinem Balkon, arbeite und blicke dann doch hinüber. Ein leerer Aschenbecher, daneben ein Topf Basilikum und Wäscheklammern sind neu. Aha.
Nach zwei Tagen Regenwetter schaue ich wieder mal hinüber und bin überrascht. Ein Windspiel. Die Flaschen weg. Er kommt raus, raucht ruhig eine Zigarette, geht wieder rein. Rasiert. Mhm.
Am nächsten Morgen frühstücke ich draußen und sehe am anderen Ende des Hinterhofs ein Mädchen auf seinem Balkon. Sieh installiert Blumenkästen und schleppt Pflanzen in großen Kübeln auf den Balkon. Ihre Haare leuchten in der Sonne. Ach so.
Der nächste Tag ist Samstag und Mittags lockt mich Lärm raus. Drüben. Er und das Mädchen mit den leuchtenden Haaren. Sie lachen. Unten im Hof liegen die Reste eines Tischs, den sie augenscheinlich über die Brüstung geworfen haben.
Am nächsten Tag sitzen sie drüben an einem neuen Tisch auf gepolsterten Stühlen und frühstücken Croissants. Die Sonne scheint. Mittags hängt sie Wäsche auf. Nur Frauen-Klamotten. Sie waschen getrennt. Also: WG. In 15 Jahren in diesem Hinterhof habe ich viel gelernt. Abends arbeite ich nicht auf dem Balkon weil die zwei drüben so laut lachen. Ich hab Dir gar nichts zu sagen.
Als ich aus einem dreiwöchigem Urlaub sonntags wieder komme, blicke ich neugierig nach drüben. Er sitzt dort, ihm gegenüber die Blonde, die ich lang nicht mehr bei ihm gesehen hab. Er hat abgenommen, ausgeschlafen und sich rasiert. Er hält ihre Hand. Viel Glück in den nächsten Tagen.
Am Montag sitzt das Mädchen mit den strahlenden Haaren auf der Brüstung und telefoniert in der Dämmerung. Sie kichert. Ein von Frauenhand eingerichteter Balkon ist Lebensqualität. Ich zieh den Vorhang zu.
Saarbrücker Studenten waren für herausragendes politisches Engagement wohl noch nie bekannt. Aber dieser Schriftzug auf einem dieser Zeitung-to-go-Kästen (fotografiert auf dem Saarbrücker Campus) setzt dem Ruf doch noch die Krone auf. Das ist kein politisches Engagement (zumindest nicht, wenn es sich auf solche Schmierereien beschränkt), sondern Aufwärmen von Dingen, die Leuten mal so am Herzen gelegen haben, dass es fast schon beleidigend ist, sowas einfach mal irgendwo zu hinterlassen.
So ein bisschen hege ich ja den Verdacht, dass der 68er Kongress nicht ganz unschuldig daran ist, dass sowas jetzt wieder “in” ist. Sehr schade, dass politisches Engagement sich hier auf Edding-Parolen auf Plexiglas zu beschränken scheint.
Eine junge Frau wacht schweißgebadet auf und ist sich sicher, dass das Haus, in dem sie wohnt, brennt. Sie riecht Rauch, seiner Spur folgend geht sie auf den Balkon. Auf dem Balkon nebenan steht der Nachbar. Er riecht nix, sagt er. Sie sorgt sich weiter, überlegt, wie sie ihre Hasen retten soll und ruft dann den Hausmeister an.
“Das Haus brennt!”, sagt sie panisch. “Ah jo, ich wollte eh später noch vorbei kommen.”, sagt dieser und legt auf. Trotzig legt sie sich wieder schlafen.
Bei den Recherchen für diesen Eintrag wurde kein Haus angezündet.
Es ist Sommer, jetzt auch offiziell, fühlt sich nur noch nicht so an. Manchmal frage ich mich, wie ich mich an diesen Sommer zurück erinnern werde. Womit werden diese Wochen besetzt sein? Veränderungen, Hausarbeiten, Regen?
Der Sommer 2003 zum Beispiel schmeckte sehr nach der Freiheit, die danach auch wirklich kam. Im Herbst darauf zog ich um. Der Sommer 2003 ist goldgelb wie Kornfelder, es ist mein Mecklenburg-Vorpommern-Sommer, besetzt mit Fahrradfahren, nachts-am-Strand-sein, Sonnenbrandmustern auf meinem Rücken, viel Mut und viel Jugendpresse. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Dreiertelefonkonferenz, die ich auf einem wackligen, weißen Plastikstuhl auf der Terrasse eines Ferienhauses, nah am Ostseestrand, im Regen stehend, verbrachte. Woanders hatte mein Handy einfach keinen Empfang.
Dann kam ich nachts irgendwann heim, es war schon ziemlich früh, so gegen vier. Je näher ich unserem Ferienhaus kam, desto mulmiger wurde mir, denn ich hörte Stimmen und in den Tagen zuvor hatte es viel Randale in der Ferienhaussiedlung gegeben und ich hatte Schiss, irgendwelche Idioten hätten es jetzt auf unser Haus abgesehen. Tatsächlich saßen aber meine Eltern mit guten Freunden noch auf der Terrasse, gemütlich auf einer Couchgarnitur. Ich war so richtig baff und lachte herzlich, als sie mir erklärten, dass es im Ferienhaus jetzt neue Sitzmöbel gäbe und dies hier wären die alten und man müsse sie ja noch mal nutzen vor der Entsorgung. Wir spielten noch bis morgens um sechs Karten.
Vielleicht war der Sommer ganz anders und gar nicht so schön, wie ich mich jetzt an ihn erinnere. Aber ich finde es so herrlich, mit was für Tags er besetzt ist und wie gut er mir zumindest im Nachhinein getan hat.
Ich bin so sehr gespannt, ob dieser Sommer auch so wird. Zumindest Fahrradfahren ist wieder geplant.
Ich habe an der Fleischtheke geflirtet. Nein, nicht mit einem Fleischtheker (Fleischfachverkäufer?
Fleischthekenbedienungsfachkraft?) oder einer Fleischthekerin, sondern mit einem anderen Kunden. An der Fleischtheke fiel er mir auf. Ein bisschen gucken, scheues Lächeln. Ganz klassisch. Auf dem Weg zur Kasse noch schnell die Kühltheke inspiziert, er verschwindet im Süßigkeitengang. An der Kasse ist er wieder da, steht hinter mit, lächelt.
Ich höre sein Hirn förmlich rattern, er will etwas sagen, was möglichst originell aber nicht aufdringlich, lustig aber nicht albern, eben einfach perfekt ist. Ich lächle und richte meinen Blick schnell weg von seinen Augen auf die Wahren vor ihm auf dem Band liegen. Nichts dabei, was ich wirklich eklig finde. Singlemengen.
Irgendwie verirrt mein Blick sich dann auf den kleinen Zeitschriftenständer neben den Tabakwaren. Eine Kochzeitschrift erzählt mir was von leckeren Salaten, Zucchiniraffinessen und Grilltipps. Das klingt gut, ich lege sie zu meinem Frühstück aufs Band. Noch ein Blick zu ihm - er starrt demonstrativ weg.
Hups, denk ich, so oma-like sind solche Zeitschriften doch gar nicht. Ganz im Gegenteil, habe ich mich nicht gerade als kochwilliges Mädchen mit Hang zum Grillen geoutet? Ist das nicht positiv? Anscheinend nicht. Vielleicht steht er nicht auf Salate? Zucchini-Allergie?
Beim Rausgehen fällt es mir auf: die Zeitschrift heißt “meine Familie & ich”.
Tja, das ist natürlich ein Grund zum Wegschauen, sehe ich ein. Den Tag hat der Kerl mir trotzdem versüßt ;) Dennoch mein Ruf an die Kochzeitschriften dieser Welt: Nennt euch bitte “sprich mich an”. Danke.