Er schläft. Seit drei Stunden. Endlich. Es ist mitten in der Nacht. Seit Tagen hat er nie länger als wenige Minuten am Stück geschlafen, hat sich selbst wach gehustet oder keine Luft bekommen. Er ist krank. Er liegt in seinem grau bezogenen Bett in einem dunkelgrün gestrichenen Zimmer hinter schwarzen, schweren Vorhängen. Auf dem Fußboden liegen Taschentücher, Geschirr und Besteck, Kleidungsstücke und zerlesene Comics.
Neben ihm auf der Matratze liegt sein Handy. Morgens um sieben klingelt es. Er nimmt ab. Eine Männerstimme brüllt ihn an “HALLO!”. Stille. “ACH SCHEIßE, VERWÄHLT!” und legt auf.
Der Kranke fällt in die Kissen zurück, verschläft den Tag. Am nächsten Morgen ist er gesund, geht arbeiten und kündigt. Zuhause packt er seine Sachen und ruft seine Eltern an. Danach schmeißt er sein Handy weg. Seine Zimmerpflanze stellt er auf die Straße, schließt die Tür doppelt ab und geht.
Wenn man in der Diaspora mit einem Spreeblick-Autor zusammen wohnt, passieren einem ja die seltsamsten Dinge. Das geht von einem Igel auf meinem Schreibtisch über eine defekte Duschkabine hin zu Plug’n'Play-Balkonen und hört auch dort noch nicht auf.
Heute klopft es zu einer Zeit, zu der ich meine Eltern nicht mehr anrufen können würde (habe ich als brave Tochter natürlich bereits heute Nachmittag vor dem Aufstehen gemacht) an meiner Zimmertür. Der werte Herr Mitbewohner wünscht meine Künste als Lottofee in Anspruch zu nehmen. Äh. Aha. Ob ich denn kein Spreeblick lesen würde. Doochdochjasicher. Na, also. Wir verlosen hier und jetzt die Tomte-Karten für Freitag in Kaiserslautern (nicht Karlsruhe, gell, Nicole) und ich muss aufpassen, dass auch alles mit rechten Dingen zu geht. Ok, can do. Was’n Glück, dass meine Karte schon seit Wochen an unserem Kühlschrank hängt ^^
Ja und dann werden ganz unspektakulär Zettelchen aus einem grauen Beutel gezogen. Andere Leute starren 15 Minuten lang wie gebannt auf den ARD-zeigenden Fernseher um die Lottozahlen am Ende der Tagesschau nicht zu verpassen - und wir machen sowas. Fühle mich sehr 2.0.
Passt aber auch sehr gut zu meinem neuen Hobby: Träume erfüllen.
…habe ich vollkommen vergessen, aber an diesem Schild liegt es sicher nicht.
Saarbrücken ist selten schön. Saarbrücken hat viele Problemzonen. Saarbrücken ist trotzdem lebenswert.
Jede Woche gehe ich ein Mal an diesem Geschmiere vorbei und jede Woche freue ich mich erneut drüber. Sogar dort wo die Problemviertel dieser Stadt am dunkelsten sind, gibt es Hoffnung. Das Leben kann so schön sein.
Was sieht er bitter aus. Gegenüber, auf der anderen Seite des Hinterhofs, wohnt ein Typ - allein. In einer viel zu großen Wohnung. Manchmal seh ich ihn, meist aber nur seine Klamotten, die er abends über die Leinen auf dem Balkon aufhängt und erst nach Tagen abnimmt. Und jetzt: Mehr Ränder als Augen, volle Aschenbecher und leere Flaschen. Das kannte ich auch.
Tage später seh ich den drüben halbherzig die Flaschen in Plastiktüten packen. Zugenommen hat er auch. Unrasiert. Der Typ nimmt ein Telefonat an, raucht in dem fünfzehnminütigen Gespräch drei Zigaretten und lacht nicht. Beim letzten Blick nach drüben denk ich noch: viel Glück heut Nacht.
In der nächsten Nacht sitze ich wieder auf meinem Balkon, arbeite und blicke dann doch hinüber. Ein leerer Aschenbecher, daneben ein Topf Basilikum und Wäscheklammern sind neu. Aha.
Nach zwei Tagen Regenwetter schaue ich wieder mal hinüber und bin überrascht. Ein Windspiel. Die Flaschen weg. Er kommt raus, raucht ruhig eine Zigarette, geht wieder rein. Rasiert. Mhm.
Am nächsten Morgen frühstücke ich draußen und sehe am anderen Ende des Hinterhofs ein Mädchen auf seinem Balkon. Sieh installiert Blumenkästen und schleppt Pflanzen in großen Kübeln auf den Balkon. Ihre Haare leuchten in der Sonne. Ach so.
Der nächste Tag ist Samstag und Mittags lockt mich Lärm raus. Drüben. Er und das Mädchen mit den leuchtenden Haaren. Sie lachen. Unten im Hof liegen die Reste eines Tischs, den sie augenscheinlich über die Brüstung geworfen haben.
Am nächsten Tag sitzen sie drüben an einem neuen Tisch auf gepolsterten Stühlen und frühstücken Croissants. Die Sonne scheint. Mittags hängt sie Wäsche auf. Nur Frauen-Klamotten. Sie waschen getrennt. Also: WG. In 15 Jahren in diesem Hinterhof habe ich viel gelernt. Abends arbeite ich nicht auf dem Balkon weil die zwei drüben so laut lachen. Ich hab Dir gar nichts zu sagen.
Als ich aus einem dreiwöchigem Urlaub sonntags wieder komme, blicke ich neugierig nach drüben. Er sitzt dort, ihm gegenüber die Blonde, die ich lang nicht mehr bei ihm gesehen hab. Er hat abgenommen, ausgeschlafen und sich rasiert. Er hält ihre Hand. Viel Glück in den nächsten Tagen.
Am Montag sitzt das Mädchen mit den strahlenden Haaren auf der Brüstung und telefoniert in der Dämmerung. Sie kichert. Ein von Frauenhand eingerichteter Balkon ist Lebensqualität. Ich zieh den Vorhang zu.
Saarbrücker Studenten waren für herausragendes politisches Engagement wohl noch nie bekannt. Aber dieser Schriftzug auf einem dieser Zeitung-to-go-Kästen (fotografiert auf dem Saarbrücker Campus) setzt dem Ruf doch noch die Krone auf. Das ist kein politisches Engagement (zumindest nicht, wenn es sich auf solche Schmierereien beschränkt), sondern Aufwärmen von Dingen, die Leuten mal so am Herzen gelegen haben, dass es fast schon beleidigend ist, sowas einfach mal irgendwo zu hinterlassen.
So ein bisschen hege ich ja den Verdacht, dass der 68er Kongress nicht ganz unschuldig daran ist, dass sowas jetzt wieder “in” ist. Sehr schade, dass politisches Engagement sich hier auf Edding-Parolen auf Plexiglas zu beschränken scheint.