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Buch, Gutenachtgeschichten, Uni — Tags: , , , , , — schuehsch @ 25. November 2011, 18:02

Ich stelle mir das so vor:

Als du an der Uni angefangen hast, brauchtest du Geld. In den ersten Semestern hast du BaFöG bezogen, dann wurde es dir aber zu doof, jedes Semester aufs neue deine Kontoauszüge durchsehen zu lassen. Darum hast du im 5. Semester angefangen, in der Universitätsbibliothek zu arbeiten. Du hast Aufsicht geführt im Lesesaal, neue Bücher katalogisiert und irgendwann auch in der Ausleihe geholfen. Es war spannend, zum ersten Mal ins riesige Magazin zu gehen wo die Bücher nur nach Größe sortiert stehen, die richtigen zu finden, auf den Wagen zu packen und nach oben zu bringen. Dort dann wieder in Fächer sortieren und schließlich erleben, wie Menschen kommen, um diese Bücher abzuholen.
Da war ein Professor, der kam jeden Tag. Er holte jeden Tag ein Buch ab. Immer nur eins und immer gegen 12. Als du ihn nach einigen Wochen gegen halb 1 in der Mensa gesehen hast, hast du verstanden, dass das ein Ritual war. Er holte sich ein Buch, ging damit in die Mensa, blätterte während des Essens darin und ging dann zurück an seinen Schreibtisch. Die Bücher brachten seine Aushilfen zurück, oft 20 Stück auf ein Mal.
Da kam eine alte Dame immer viel zu spät mit ihren Büchern zurück. Die waren immer schon lange abgelaufen und sie hat sicherlich über 100 Euro Gebühren zahlen müssen. Bis du ihr erklärtest, dass sie sich ja auch per E-Mail auf das Ende der Leihfrist aufmerksam machen lassen könnte. Sie war begeistert und sagte: “Dann schicken Sie es doch bitte an schnupsimausihasi@gmail.com.” Sie merkte sich deinen Namen und immer wenn sie kam begrüßte sie dich freundlich mit deinem Namen und du dachtest: “Hallo schnupsimausihasi”.
Tatsächlich fandest du die Arbeit in der Bibliothek interessant. Du lerntest schnell das System, nachdem Signaturen vergeben wurden, welche Bücher in die Lehrbuchsammlung gehörten und welche nicht und warum es von manchen Bücher fünf Exemplare aller Auflagen gab. Du hast auch gelernt, wo die Institutsbibliotheken auf dem Campus liegen, mit welchen anderen Bibliotheken Fernleihen gut klappen und wo sie anstrengend sind. Du lerntest neue Benutzerausweise zu bedrucken und freundlich aber bestimmt an ausstehende Gebühren zu erinnern. Du hast deine wöchentliche Stundenzahl aufstocken lassen und warst nun jeden Tag in der Bibliothek. Als du schon fast zwei Jahre dabei warst, durftest du ans Allerheiligste. Du bekamst einen Zugang zu dem System, mit dem die Erinnerungsmails an die Nutzenden verschickt wurden. Die meisten davon werden automatisiert verschickt, aber du konntest jeder zeit eingreifen und zum Beispiel schnupsimausihasi nur jede dritte Erinnerungsmail zukommen lassen, weil sie das System nur zu gut kannte. Hier konntest du auch ihre Daten einsehen.

Irgendwann saßt du an einem PC, mit dem Rücken zur Ausleihtheke und hast genau diese Erinnerungen bearbeitet, da lies dich eine Stimme zusammen zucken. Ein Mädchen brachte Bücher zurück, eine Kollegin kümmerte sich um sie und beim Klang der Stimme dieses Mädchens bist du zusammen gezuckt. Du trautest dich nicht, dich nach der schönen Stimme umzusehen, konntest sie nur Schemenhaft als Spiegelung auf deinem alten Bildschirm erkennen. Schnell war sie wieder weg.
Du hast gelernt, Profile zu erkennen. Wenn jemand 10-12 Bücher innerhalb weniger Tage zum selben Thema auslieh, schrieb diese Person an einer Hausarbeit. Wenn es 5 Vormerkungen für dasselbe Buch gab, wurde das gerade in irgendeinem Seminar behandelt. Wenn jemand ungefähr 5 Bücher zu einem Thema auslieh und nach 3-6 Wochen zurück brachte und zu einem anderen Thema ähnlich viele Bücher auslieh, dann lernte diese Person für ihre Abschlussprüfungen.
Dann kam das Mädchen wieder. Erst hast du sie nicht erkannt, weil sie nur lächelte, ihren Ausweis auf das Lesegerät legte und dich erwartungsvoll anschaute. Du hast zurück gelächelt, bist du zu den Fächern gegangen und hast ihre Bücher geholt. Du hast die Bücher ihrer Person zugeordnet und “Bitte” gesagt, als du ihr den Stapel über die Theke geschoben hast. “Danke.” Da war sie, die Stimme und du bist zusammen gezuckt. Sie hat gelächelt, die Bücher eingepackt und ist gegangen. “Tschüss”, hat sie gesagt und du konntest nur nicken. Du hast aus den großen Fenstern geschaut, ob sie draußen vorbei gehen würde, aber sie nahm eine andere Richtung.
Du hast mit dir gerungen, im System ihre Daten nachzusehen, hast aber schließlich nach ihrem Namen geguckt. Den Namen hast du dir gemerkt. Sonst nichts. Wirklich nicht. Ich glaube dir.
Nach vier Wochen war die Ausleihfrist für ihre Bücher abgelaufen und sie bekam automatisierte Erinnerungsmails. Nach fünf Wochen wurden die ersten Gebühren fällig. Nach sechs Wochen wurde sie wie alle vor ihr gesperrt und musste erst ihre Bücher zurück bringen, um neue ausleihen zu können. Nach acht Wochen rief sie an. Es war reiner Zufall, dass du abgehoben hast. Du bist schon bei der Begrüßung zusammen gezuckt und als sie ihren vollen Namen nannte noch Mal. Sie hätte sich verletzt und könne die Bücher erst in 10 Tagen zurück bringen. Sie entschuldigte sich und fragte, ob man die Gebühren aussetzen könnte, sie würde auch ein Attest bringen. Nicht nötig, du verstandst, das können wir schon machen, ja gern, dann bis dann. Du sahst sofort auf den Kalender. In 10 Tagen. Ok. Du würdest da sein.
Als sie kam, humpelte sie ein bisschen, setzte das linke Bein nur sehr behutsam auf. Du hast gelächelt als sie kam, sie hat auch gelächelt und fing an, ihren Fall zu erklären, während sie die Bücher auspackte. Du hast sie nicht unterbrochen. Du wolltest ihr ja zuhören. Du hattest dir das alles sehr genau überlegt. Als sie fertig mit ihrer Erklärung war, lagen 11 Bücher vor dir auf dem Tisch und ihr Attest. “Danke, das Attest brauchen wir nicht. Ich war am Telefon als du angerufen hast und habe das alles geklärt. Geht es dir denn besser?” Danke ja, ungeschickt Handball gespielt, aber es geht schon wieder. Du loggst ihre Bücher zurück in das System und kassierst die Gebühren. Als du das Geld hast, sagst du: “Jetzt kannst du wieder Bücher ausleihen.” – “Prima, danke. Ich habe nämlich auch noch einiges zu tun.” Sie lächelte, Tschüss und ging. Ein Kollege machte dich darauf aufmerksam, dass du Nutzende Siezen sollst, auch wenn sie so alt sind wie du.
Sie hatte Bücher über einen holländischen Autor und zur Geschichte Amsterdams ausgeliehen. Du liehst selbst einen Gedichtband vom selben Autor aus.
Nach drei Wochen kam sie wieder. Du sahst sie schon durchs Fenster. Sie stellte ihr Rad draußen ab, schloss es an und kam herein. Sie lächelte dich an, legte ihren Ausweis aufs Lesegerät und du holtest ihre Bücher. 6 Werke zur Weimarer Klassik. Als sie mit den Büchern gehen wollte, sagtest du: “Viel Erfolg bei der Prüfung.” Sie drehte sich um, lächelte und sagte: “Danke.” stutzte aber dann und sagte: “Aber ich habe doch gar nicht erzählt, dass ich Prüfungen habe!?” Du wurdest rot, hast entschuldigend gelächelt und gesagt: “Naja, für eine Hausarbeit sind das zu wenig Bücher, oder?” “Stimmt.” Sie lächelte und ging. Das war knapp.
So ging das vier Monat lang. Jedes Mal wenn sie Bücher zurück brachte und für eine neue Prüfung auslieh, fragtest du freundlich nach ihrem Bein, nach dem Verlauf der Prüfungen oder ihrem Rad und ob sie bei dem Wetter wirklich… Ein Mal kam sie und es war ein anderer Schalter mit einer Kollegin frei, sie wartete aber, bis du einen Jungen fertig bedient hattest und kam zu dir. Da wollte sie etwas zur Fernleihe wissen und du hast ihr alles erklärt und versprochen dafür zu sorgen, dass der Aufsatz schnell da sein würde – rechtzeitig zu ihrer letzten Prüfung.
Dann setztest du dich sofort an den Rechner und hast dich um ihre Fernleihe gekümmert. Schon nach drei Tagen war der Aufsatz da. Aber du zögertest, ihr die Standardmail zustellen zu lassen. Ihre letzte Prüfung. Gut möglich, dass sie danach nie wieder kommen würde. Und ich glaube, da hast du noch ein bisschen nachgedacht und dann aber für deine Verhältnisse sehr schnell und sehr spontan gehandelt. Du hast die Mail losgeschickt und die Tackernadel mit der die von ihr gewünschten Kopien des Aufsatzes zusammengehalten wurden, geöffnet. Du hast auf einen Zettel geschrieben: “Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss. Wenn ich darf, würde ich Dich gerne wieder sehen.” Dann deinen Namen und deine Telefonnummer. Dann hast du den ganzen Aufsatz kopiert, damit die Kopien auf demselben Papier waren wie deine Botschaft und hast alles zusammen getackert. Als sie den Aufsatz abholen kam, warst du nicht da. Du hast nur am nächsten Tag gesehen, dass er weg war.
Dann geschah mehrere Wochen nichts und du musstest dich selbst um deinen Abschluss kümmern und warst immer seltener in der Bibliothek.

Es war an einem deiner letzten Tage in der Universitätsbibliothek und kurz vor Weihnachten. Da kam sie noch Mal. Sie hatte zwei Bücher in der Hand und wartete wieder darauf, dass du Zeit für sie hättest, lies andere Wartende vor, um von dir bedient zu werden. Sie lächelte und legte die Bücher auf die Theke: “Die letzten, die zurück gehen.” Du lächeltest und nahmst das erste Buch, um anhand der Signatur das Buch wieder ins System einzugeben. “Das Buch ist nicht von uns. Solche Signaturen haben wir nicht.” – “Oh, ach so. Tschuldigung. Tschüss!” Sie nahm die Bücher und ging. Auf der Theke vor dir blieb ein Umschlag liegen, auf dem stand dein Name. Den hast du schnell eingesteckt, damit niemand etwas bemerkte. Du hast dann ruhig und konzentriert deine Schicht zu ende gemacht, deine Jacke genommen und bist an die frische Luft gegangen. Draußen, vor dem Gebäude, hast du den Umschlag geöffnet.
Dann bist du in den CIP-Pool gegangen um sie dort zu treffen. Zu deiner Überraschung saß sie dort hinter der Theke. Dann habt ihr euch ein bisschen unbeholfen unterhalten und seid miteinander ausgegangen. Bei einem Spaziergang hat sie dir erklärt, dass du ihr auch aufgefallen warst und sie schon vor deinem Zettel wusste, wer du bist. Als Mitarbeiterin des CIP-Pools konnte sie einsehen, welche Studierenden Sonderrechte, wie etwa den Zugriff auf das Allerheiligste der Universitätsbibliothek, hatten. Damit war sie noch nicht ganz sicher gewesen, wer du warst, aber bei ihrem Anruf hattest du dich mit deinem Nachnamen gemeldet und den hatte sie sich gemerkt. Und dann wart ihr sehr lange zusammen.

7 Comments »

  1. wunderschön.

    Comment by matthiasr — 25. November 2011 @ 22:11
  2. Danke.

    Comment by schuehsch — 25. November 2011 @ 23:36
  3. haw! ganz toll geschrieben, große schuehsch! <3

    Comment by sprallo — 30. November 2011 @ 17:53
  4. awwwww, eine bücherromanze… und warum in “du”-perspektive? ist das ein experiment oder ein beitrag zu den wenigen du-erzählungen, die es gibt oder musste das einfach so sein?

    Comment by Juebla — 6. December 2011 @ 22:07
  5. Es musste einfach so sein und gibt eine Geschichte dazu. Die erzähle ich dir gern beim nächsten… Saft… in einer der diversen WG-Küchen =D

    Comment by schuehsch — 6. December 2011 @ 22:17
  6. [...] 13. December 2011 by katrin | 0 comments Irgendwann saßt du an einem PC, mit dem Rücken zur Ausleihtheke und hast genau diese Erinnerungen … [...]

    Pingback by “1094″ | die katrin — 13. December 2011 @ 16:21
  7. hach (: schön.

    Comment by Sabrina — 23. March 2012 @ 16:43

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