Es muss in der 10. Klasse gewesen sein. Mit wenigen anderen Schülern aus verschiedenen Jahrgängen zusammen hatte ich Montags Nachmittags “Werte & Normen” statt Religions-Unterricht. Es ging um die Frage, was der Mensch wirklich braucht. Ich war noch damit beschäftigt darüber nachzudenken, ob ich nehben Taschenmesser, Armeeschlafsack und Feuerzeug auf meiner Zahnbürste beharren sollte, als Klassenkameradin Jana sprach: “Naja… alles. Ich muss mich morgens schminken, mir die Zähne putzen, Haare shampoonieren, Füße waschen, frisch gereinigte Kleidung anziehen und so weiter.” Ich widersprach ihr mit dem bereits formulierten Gedanken und zettelte damit eine unheimliche Diskussion an. Ich hatte den Eindruck sie mit der Andeutung, dass man auch kaltes klares Wasser aus einem Bach zum Waschen, statt warmen, geklärtem Nass aus Hähnen und Brausen nehmen könnte, zu schockieren. Danach dachte ich viel über Waschzwänge nach und warum ich wohl keinen habe.
Ich denke oft an die Klassenkameradin Jana und ihre Erschütterung bei der Idee, man könne ohne Makeup leben. Sie meinte das ernst. Sie glaubte wirklich daran. Vielleicht tut sie es noch heute, ich weiß es nicht.
Manchmal, wenn ich morgens im Bad 10 Minuten länger gebraucht habe als sonst, weil es mir doch mal wieder angebracht schien, meine Haare zu fönen, dann denke ich an sie. Und frage mich, warum ich eigentlich kein Puder will. Ich könnte viel mädchenhafter sein. Dann könnte ich mich noch viel mehr mit mir selbst beschäftigen. Mich auf mein Äußeres fixieren anstatt meine Fahrradkette zu ölen. Offensichtlich habe ich nicht das Zeug zur Diva.
Ich habe heute morgen nicht geduscht.
Gelesen bei Hollaback!bln, eine sowieso spannende und unterstützenswerte Aktion. Die Erlebnisse, die dort geschildert werden, machen mich immer wieder enorm betroffen und wütend.
A Modern Sexual-Assault Tale
Man: Hello, I’d like to report a mugging.
Officer: A mugging, eh? Where did it take place?
Man: I was walking by 21st and Dundritch Street and a man pulled out a gun and said, “Give me all your money.”
Officer: And did you?
Man: Yes, I co-operated.
Officer: So you willingly gave the man your money without fighting back, calling for help or trying to escape?
Man: Well, yes, but I was terrified. I thought he was going to kill me!
Officer: Mmm. But you did co-operate with him. And I’ve been informed that you’re quite a philanthropist, too.
Man: I give to charity, yes.
Officer: So you like to give money away. You make a habit of giving money away.
Man: What does that have to do with this situation?
Officer: You knowingly walked down Dundritch Street in your suit when everyone knows you like to give away money, and then you didn’t fight back. It sounds like you gave money to someone, but now you’re having after-donation regret. Tell me, do you really want to ruin his life because of your mistake?
Man: This is ridiculous!
Officer: This is a rape analogy. This is what women face every single day when they try to bring their rapists to justice.
Man: Fuck the patriarchy.
Officer: Word.
PS
Danke für ein Dutzend Retweets und mehr Aufmerksamkeit für diese Story. Jetzt nur noch ao viel Aufmerksamkeit auch im Alltag zeigen und Menschen in bedrohlichen Situationen beistehen. Wir alle. Ab sofort.
Gestern habe ich Emma kennen gelernt.
Gestern war ein sonniger Tag und ich habe vor dem Haus, in dem ich wohne, auf dem breiten Bürgersteig an meinem Fahrrad geschraubt. Denn auf dem Weg hierher hatte irgendwas geklappert. Irgendwas klappert immer. Aber das dulde ich nicht und schraube dann eben. Erst kam eine Katze. Die Nachbarskatze, ein wunderschönes flauschiges Tier, dass oft laut maunzt, sich auch anschauen und Menschen nahe kommen lässt, aber anfassen darf man sie nicht, keines Falls.
Dann kam Emma. Emma kam in Begleitung eines jungen Mannes dem der Vaterstolz ins schweißige Gesicht geschrieben stand. Emma stapfte an seiner Hand schnurstraks auf die Katze zu, ausstafiert mit Sonnenhütchen und langen Hosen. Die Katze wollte nicht und war schneller weg als Emma es begreifen konnte. Dann stapfte sie auf mich zu. Emma hatte echt die Hosen an. Das ungleiche Team blieb vor mir stehen und sah mir beim Schrauben zu. “Stören wir?”, fragte der mutmaßliche Vater. “Nee, kein Thema”.
Ich hattte einen Imbusschlüssel neben mich auf den Bürgersteig gelegt, nachdem Emma nun griff und ihn brabbelnd hoch hielt. “Willst du auch mal an Fahrrädern schrauben, wenn du groß bist?”, fragte ihre Gehhilfe. Emma strahlte. “Ja, mach mal. Damit beeindruckst du jeden Mann.”, mischte ich mich ein. Und fügte schnell hinzu: “Und jede Frau.” Da gluckste Emma. “Was dir aber auch egal sein kann, wenn du dein Rad eh selbst reparieren kannst.”
Der Vater schaute mich an, Emma ihren Imbusschlüssel und die Katze floh von einem Auto zum nächsten.
Gestern war ein schöner Nachmittag.