Längsstreifen

Gutenachtgeschichten — Tags: , , , , — schuehsch @ 8. June 2010, 23:26

Er atmete tief durch. Er wusste schon, dass sie es war, noch bevor er auf das Display seines Mobiltelefons schaute oder sie ihren Namen sagte. Er hatte für all Anrufe und Nachrichten von ihr einen besonderen Klingelton eingestellt.
“Hallo, ich bin’s.”
“Hallo, nett dass du zurück rufst”, sagte er ruhig und konzentriert. Feuchte Hände hatte er trotzdem. “Kannst Du mir beim Umzug helfen?”, fragte er und musste sich räuspern. Sie konnte. Zwei Stunden später war sie bei ihm. Unten im Hauseingang standen bereits Kartons als sie ankam. Er hatte sie nach dem Telefonat mit ihr voll gepackt und aus dem vierten Stock herunter getragen. Er stand neben den Kartons und reichte ihr eine Flasche Wasser, als sie aus dem Auto stieg. Ihm stand Schweiß auf der Stirn. Es war ein sehr warmer Spätherbst.
Die Kartons waren in krakeliger Handschrift ordentlich beschriftet. “Ist da drinn, was drauf steht?” fragte sie stirnrunzelnd zur Begrüßung. Er bejahte. “Spießer!” Er streckte ihr die Zunge raus. Sie lachte. Die Sonne schien auf ihre Haare. Sie umarmten sich nicht. Sie trank Wasser aus der Flasche.
Sie packten die Kartons in ihr Auto und gingen zusammen hoch in sein altes Zimmer. Die vollen Aschenbecher standen immer noch da, ebenso die PET-Flaschen. Wieder sagte sie nichts zur Unordnung und dem Gerümpel. Aber er kannte ihren Blick. “Die Flaschen bring ich zum Altglas, da kann sie sich dann ein Penner wegholen.”, erklärte er. Sie schaute ihn an. Sie lächelte. “Dafür, dass wir jetzt die letzten Kisten rüber fahren, steht hier noch ziemlich viel Kram.”, sagte sie. Sie nahm seinen kleinen Fernseher und trug ihn nach unten.
Als sie zum zweiten Mal die Treppe hoch gingen, fragte er, wie ihr Tag war. Sie lachte verlegen. “Gut. Alles wie immer.” und einige Stufen weiter fragte sie: “Und bei dir?”, woraufhin er zu plappern anfing. In seinem Zimmer nahm sie einen Wäschekorb voller Bücher und er einen Müllsack mit Kleidern für die er keine andere Tasche hatte mit nach unten. Damit war ihr kleines Auto voll.
“Du siehst gut aus.”, sagte sie als er ins Auto stieg. “Du auch.”, lächelte er. “Das liegt daran, dass ich nicht mehr rauche.” “Ach, das hast Du durchgehalten?” “Ja, seit bald drei Wochen. Man muss das einfach nur wollen.” Sie nickte stumm. Der Blick ihrer Augen veränderte sich.

“Hier”, er deutete auf einen Seiteneingang. Das Haus war frisch gestrichen. Auf einem Briefkasten im Hausflur klebte ein Pflaster auf das mit Kugelschreiber sein Name gekritzelt war. Die Fenster im Flur wurden offensichtlich regelmäßig geputzt. Sie sprang die Treppenstufen hoch. “Erster Stock!” rief er ihr nach. Vor der Tür wartete sie bis er aufgeschlossen hatte. Sie ging stumm durch die Wohnung und musterte jeden Raum eingehend. Im Wohnzimmer waren farbige Längsstreifen an der Wand und an der Schlafzimmerdecke über dem Bett Ornamente. An allen strategisch wichtigen Stellen ragten Kabel für Lampen aus Wände und Decken.
In der Küche standen eine Waschmaschine, Einbauküche, Tisch und Stühle. Eine Glastür führte auf einen Balkon, zum Hinterhof raus. “Der Balkon hat zwar keine schöne Aussicht, aber um mal gemütlich ein Glas Rotwein zu trinken, ist er doch prima.” Sie schaute ihn an. “Seit wann trinkst du gemütlich Rotwein?”, fragte sie. “Es kommt immer auf die Gesellschaft an”, zwinkerte er ihr zu.
“Das Bad ist halt nicht so toll.” Im schmalen langen Bad waren Badewanne, Waschbecken und WC. Der Raum war altmodisch grün gefliest, die Wände und die Decke darüber weiß gestrichen. “Naja… Der schwarze Fensterrahmen stört ein bisschen.”, sagte sie. Er blinzelte. “Das fand ich jetzt gar nicht. Aber die Fliesen mag ich nicht.” “Ach, den Style kann man übernehmen. Der Duschvorhang passt doch schon dazu.” “Hmm, ja, den wollte ich auch drinne lassen.”
Im Wohnzimmer stand eine monströse Couch sowie Bett, Nachtschränke und Kleiderschrank im Schlafzimmer. Im letzten Raum drehte sie sich zu ihm um und sagte: “Ist ja alles schon eingerichtet. Woher hast du all die Möbel? Die habe ich noch nie bei dir gesehen.” “Die Couch ist ein Geschenk von einem Arbeitskollegen meiner Mutter, Tisch, Stühle und das Bett habe ich von der Vormieterin bekommen. Kühlschrank, Waschmaschine und den Kleiderschrank habe ich gekauft. Die Wände sind schön bemalt, nicht? Ich werde das so lassen.” Sie schaute ihn ernst an. Unter ihrem Blick legte er sich aufs Bett und sah an die verzierte Decke. Durch eine Handbewegung lud er sie ein, sich neben ihn zu legen. Sie blieb stehen und schaute. “Ja, hier werde ich es wohl eine Weile aushalten.”

“Komm, wir gehen noch in den Keller. Ich habe ein Schloss für die Tür gekauft und will sehen, ob es passt. Kommst Du?” Im Keller lagerten noch Spiegel, eine Stereoanlage, Lampen und ein Fernseher. Sie räumten zusammen seinen Verschlag auf. “Ich geh noch etwas trinken, willst du auch?” “Nein danke, ich fahr heim.” Er nickte und begleitete sie zum Wagen. Sie stieg ein und fuhr. Er sah ihr nach und fühlte sich leer.

Schachbrettmuster.

2 Comments »

  1. [...] Längsstreifen. Schachbrettmuster. [...]

    Pingback by schuehsch.net » Querstreifen — 9. June 2010 @ 22:06
  2. Ich mag diesen “ehrlichen” Schreibstil, ohne Verwässerung. Schöne, melancholische Geschichte, und teile davon hat man auch schon selbst erlebt. Das dies der erste Eintrag ist den ich auf deinem Blog lese ist somit schon mal positiv. :)

    Comment by Devox — 18. June 2010 @ 17:48

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