Schachbrettmuster

Gutenachtgeschichten — Tags: , , , , , , — schuehsch @ 23. July 2009, 18:44

“Hallo, ich bin’s.”
Sein Herz fing an zu rasen, die Innenflächen seiner Hände wurden feucht und sein Mund wurde trocken. “Hallo.”, sagte er leise und intonationslos. “Kann ich vorbeikommen?” Ihm war, als hätte er aufgehört zu atmen. Er räusperte sich. “Äh, ich habe nicht… Also es ist nicht aufgeräumt und ich muss heute Nacht arbeiten, aber… ähm, ja, ok. Also, wenn Du willst… Jedenfalls… Ich hab nix vor und bin hier.” “Gut, bis gleich, ich schwing mich direkt auf’s Rad.” Sie legte auf. Er zündete sich eine selbstgedrehte Zigarette an und musste bei jedem Zug husten.
Er setze sich aufs Bett und starte die gegenüberliegende Tür an. Sein Zimmer sah aus wie sau. Die Wände hatte er nie fertig gestrichen, in einer Ecke lagen mindestens 50 leere PET-Flaschen, das Bett hatte er seit Monaten nicht frisch bezogen und alles, was als Aschenbecher taugte, quoll vor Kippen über. Auf dem Schreibtisch, neben seinem neuen Bildschirm stand Gleitgel.
Er wusste nicht, wie lange sie von ihrer neuen Wohnung zu ihm brauchen würde. Früher hatte sie maximal 17 und mindestens elf Minuten gebraucht. Er hatte die Zeit genommen. Jedes Mal. Er sah auf sein Handy. Das Gespräch war vor drei Minuten und 47 Sekunden beendet worden. Er könnte versuchen, noch aufzuräumen; wenigstens die Schranktüren schließen. Er dachte nach. Schließlich öffnete er das Fenster, holte sich aus der Küche Orangenlimonade in einer PET-Flasche, schloss seine Zimmertür hinter sich und setzte sich an den Rechner. Um beschäftigt auszusehen startete er irgendein Spiel und öffnete alle Favoriten in seinem Browser. Er drehte sich eine weitere Zigarette. Nie fiel ihm auf, wie schmutzig es bei ihm, wie löchrig seine Socken und wie schlecht die Luft in seinem Zimmer war – bis sie kam. Es klingelte. Er ließ einen seiner WG-Kollegen öffnen. Er hatte noch etwa drei Minuten. Sie würde jetzt ihr Rad im Treppenhaus anschließen und dann in den vierten Stock hoch kommen. Er rauchte.
Neun Minuten nach dem Ende des Telefonats klopfe es an seine Zimmertür. “Ja.” sagte er laut und sie kam rein. Er drehte sich zu ihr, stand auf. “Hey!” Sie lachte ihn an und wollte ihn umarmen als er mit einem “Bäh, Du bist nass.” von dem Mädchen in tropfnasser Regenjacke zurückwich. Sie grinste nur und umarmte ihn trotzdem. Er hustete. “Warum lebst Du eigentlich noch?”, fragte sie. “Weil ich so viel rauche, Nikotin konserviert.” Er drückte seine Kippe in einem Aschenbecher mit Schachbrettmuster aus. Ein Geschenk von ihr. Dann fing sie an zu plappern. Er schaute sie an. Sie zog die Jacke aus und warf sie aufs Bett. Er folgte ihren Augen. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer und sie sah all den Dreck, den er auch gesehen hatte, aber sie sagte nichts. Dafür hatten sie lange genug zusammen gewohnt. Er drückte seine Kippe aus. “Mhm.” machte er. Sie war dünner geworden. Sie trug immer noch ihren Lieblingspulli aus dem vorletzten Sommer und ihre Haare waren völlig anders. Er war sich sicher, sie seit über einem Jahr nicht gesehen zu haben. “Deine Hose ist ja bis zu den Knien nass! Sieht blöd aus, der Schnitt”, unterbrach er sie. Sie stockte und sah an sich herunter. “Ja, ach halb so wild. Du musst es ja nicht anziehen.” “Soso. Willste auch eine?”, fragte er, als er sich eine weitere Zigarette drehte. “Nee, ich rauch grad nicht. Wie heißt sie?”, fragte sie mit Nicken in Richtung Gleitgel. “Och, nichts Regelmäßiges.”, sagte er.
Sie blieb lange. Sie unterhielten sich und sie wurde immer leiser, ihre Sätze kürzer. Irgendwann kochte er Tortellini mit Käse, doch sie wollte nicht. Auf die Frage hin, wann sie zum letzten Mal gegessen hätte, nahm sie schweigend den Teller und aß. “Was hat er denn mit Dir gemacht?”, fragte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. Als Antwort hörte er sie schlucken und sah, wie ihre Augen feucht wurden. Sie aßen schweigend. “Am Freitag war ich auf einem saugeilen Konzert.”, sagte er. “Oh ja?”, fragte sie, “Zeig mal die Mucke.” Er spielte ihr ein halbes Dutzend Lieder vor. Sie gab sich Mühe, aufmerksam zu sein, lag aber bald nur noch zusammengerollt auf seinem Bett und blickte an die Wand.
Er machte einen Film an, den sie beide schon kannten. Sie blickte auf den kleinen Fernseher neben seinem Bett und er blieb an seinem Bildschirm. Sie bewegte sich kaum, lag zusammengerollt da und schaute.
Er rauchte. Er brachte die Teller weg und ging ins Bad. Als er zurück kam sagte er “Ich muss los zur Arbeit.” Sie sprang sofort auf. “Nein, Du kannst gern hier bleiben. Ich weck Dich morgen Mittag, wenn ich wieder da bin.” “Nein”, sagte sie, “ich fahr zurück.” Protest war sinnlos.
Sie blieb nie über Nacht.

Mein 800ster Eintrag in diesem Blog. Das hat er, der die Vorbilder für diese Figuren lieferte, verdient.

1 Comment »

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