fundstück
Neulich fand ich diesen Text wieder. Allein die Idee ist mindestens fünf Jahre alt, genau weiß ich’s nicht. Es ist fast unheimlich, wie hier einiges ineinander läuft und doch keinesfalls vermischt. Erstaunlich ist weiterhin, dass ich heute nur wenig daran deutlich ändern, aber viele Nuancen deutlicher färben würde. Aber ich habe den Text nicht verändert, er ist, wie ich ihn in einem Backup gefunden habt. Ich verschenke die Idee hinter diesen Zeilen. Manchmal weiß man, was man hat, wenn man sich an den Händen hält.
ZWEITENS
In einem kleinen Hotel in einem Dorf im Norden des Landes waren zwei Menschen abgestiegen. Sie hatten ein Zimmer im zweiten Stock mit großem Fenster zur schmalen Straße hin bezogen.
Es war mitten in der Nacht, der nächste Tag würde in wenigen Minuten beginnen, aber in diesem Zimmer war es nicht so still, wie es vielleicht hätte sein sollen. Auf der glatten Decke der rechten Hälfte des breiten Bettes stand eine Reisetasche. Daneben lag eine schwarze Lederjacke. An der Bettkante stand eine Frau und nahm im Schein der nahen Straßenlaterne der durch die hellen Vorhänge in das ansonsten stockdunkle Zimmer drang, ein schwarzes Oberteil aus der Tasche. Sie zog es an und war nun ganz in Schwarz gekleidet. Auch die Jacke streifte sie über und nahm stumm die Tasche und schob sie wieder unter das Bett. Das Leder ihrer Kleidung knatschte bei jeder Bewegung. Vom Nachttisch nahm sie einen leise klimpernden Schlüsselbund und hob einen schwarzen Helm, der neben ihrem Nachttisch auf dem Boden gelegen hatte. Sie ging mit leichten Schritten auf die andere Seite des Bettes. Das Knatschen der Dielen und ihrer Kleidung erschien ihr laut in der Stille der Nacht. In der linken Hälfte des Bettes lag unter dünnen Laken ein junger Mann in unruhigem Schlaf. Neben seinen Füßen hielt sie kurz inne und ließ ihren Blick langsam an seiner Gestalt entlang schweifen. Er atmete unregelmäßig und drehte sich ein wenig in den zerwühlten Laken hin und her. Nun ging sie bis zum Kopfende, küsste ihn zärtlich auf die Stirn und ging zur Tür. Er schlug die Augen auf und sah ihr nach. „Wo willst du hin?“ fragte er. Sie blieb stehen und drehte sich ruhig um. „Ich wollte dich nicht wecken, entschuldige bitte“. Er schaltete das Licht auf seinem Nachttisch an und blieb aufgerichtet sitzen. „Wohin gehst du?“ „Ich habe mir solche Mühe gegeben, leise zu sein. Bist du böse?“ „Nein, aber magst du mir nicht sagen, wo du gerade hin wolltest?“ „Ich… Ach weißt du, es ist doch so warm und da… Ich kann nicht mehr schlafen“. „Und?“ „Naja, es war mir einfach zu warm im Bett.“ „Und jetzt, wo willst du hin?“ „Ach, das ist doch gar nicht so wichtig, ich komme ja auch wieder. Vielleicht kannst du ja noch mal schlafen.“ Eilig drehte sie sich um und zog schnell die Tür hinter sich zu, um weitere Fragen von ihm nicht hören zu müssen. Er hörte ihre Schritte, die die Treppe hinab gingen. Das Licht schaltete er aus, legte sich aber nicht wieder hin. Draußen hörte er den Motor eines Motorrads. Der Klang war ihm vertraut. Es war ihre schwarze BMW. Nun legte er sich doch auf den Rücken und starrte mit leerem Blick an die Decke.
Das Motorrad, dass der junge Mann in dem Zimmer im kleinen Hotel an der schmalen Straße gehört hatte, stand vierzig Minuten späten auf dem Hinterhof eines unbewohnten Hauses in Gorleben.
Es war Frühjahr und sehr viel Polizei war auf den Straßen.