A brilliant experiment.

Im April 2007 hat Gene Weingarten für das Wahington Post Magazine darüber geschrieben, was geschieht, wenn man einen großartigen Musiker auf einem fantastischen Instrument in einer Metro Station in Washington D.C. unangekündigt Bach spielen lässt. Die Frage dahinter war, ob die Menschen in ihrer Eile stehen bleiben, genießen können würden. Mittlerweile ist daraus regelrecht eine Urbanlegend geworden – eine wahre. Vergleichbar ist vielleicht, dass Bruce Springsteen vor rund 20 Jahren in Kopenhagen bei einem Straßenmusiker stehen blieb und mit ihm spielte. Auch hier ist das nur wenigen Menschen aufgefallen.

Mich haben die beiden Geschichten so beeindruckt, dass ich doch noch mal drüber blogge. Der Anlass ist alt, aber ich bin der Ansicht, dass etwas darin steckt, woran man nicht oft genug erinnern kann.


Ich fand zu der ganzen Geschichte als ich vor ein paar Tagen “Can you recognize talent?“, las und eben beeindruckt und dann ein bisschen traurig war. Weil mir natürlich an mir selbst auffiel, wie ich zur Arbeit haste, in Bücher starre statt dem vielleicht hübschen Cover ein Lächeln zu schenken und Filme oft nur nebenbei laufen lasse, statt Aufmerksamkeit zu schenken. Und dass ich mich das letzte Mal bei einer Performance an der ich zufällig vorbei kam auch nur gefragt habe, ob es mir gefällt, statt sie zu ignorieren, ist Monate her.

Natürlich ist das alles legitim. Das Leben ist oft schon anstrengend genug. Und manchmal hat man wirklich keine Zeit. Irgendwo ist es sogar notwendig auch Schönes zu übersehen, wenn wir alles betrachten würden, wären wir schneller und häufiger abgelenkt als kleine Katzen. Katzen haben es damit zwar sehr weit gebracht (gefühlt mindestens bis zu Weltherrschaft), aber unser Leben ist so nicht und wird auch auf absehbare Zeit nicht so werden. Und ich bin mir sicher, dass wir an so viel Schönem (und auch Schlechtem, oder wie gut gelingt euch das filtern) überschnappen würden.
Trotzdem sind Dinge oft nicht ganz so eilig, wie man denkt. Natürlich muss man rechtzeitig auf der Arbeit sein, aber wenn man jetzt eine Bahn später nimmt und ein paar Minuten Sonne auf der Netzhaut und Vogelgezwitscher in den Ohren mitnimmt? Oder gibt es so viele solcher Augenblicke, dass man jeden Tag drei Stunden früher aufstehen müsste, um alles sehen zu können? Und können wir es uns erlauben, all das zu beurteilen? Das birgt Arroganz.

Dass vor einem wirklich hoch talentierte, vielleicht deshalb berühmte Leute stehen, kommt, glaube ich, sehr selten vor (und was genau ist noch mal Talent?). Aber ich will die Augen trotzdem offen halten. Weil ich glaube, dass man lernen kann, schöne Dinge und talentierte Menschen zu sehen. Genuss. Die Seele pflegen. Inspiration.
Manchmal will man dazu nicht raus gehen. Online sehe ich gerne bei Katie Sokoler, dem Tumblelog von Szymon Błaszczyk und bei Toxel.com genauer hin. Was ich gestern draußen genossen habe, verrate ich gleich, eines möchte ich aber noch vorweg schicken: Es gibt mit Absicht keine Bilder. Ich gehe nicht raus in die Welt um Schönes zu sehen um es dann nur durch einen Sucher zu sehen. Ich verspreche einen Post über Genussauslagerung.

Meine Eindrücke von gestern machen auf mich einen kläglichen Eindruck, aber hier sind sie:

  • Als ich Mittags auf einen Bus wartete, regnete es fürchterlich. Auf den Straßen stand überall Wasser, alle Abflüsse waren überfordert. Der Unterstand an der Haltestelle ist so dicht an der Straße, dass man ständig Spritzer von vorbeifahrenden Fahrzeugen auf die Füße bekommt… Der nächste Bus bremste aber frühzeitig ab und die Fahrerin fuhr so umsichtig an die Haltestelle heran, dass keiner nasse Füße bekam und der Weg vom Unterstand zur Tür kleinstmöglich war. Vielleicht ist das kein Talent, aber meine nassen Füße machten mir offensichtlich, dass es keine selbstverständliche Nettigkeit ist.
  • Abends lief ich wie so oft durch ein Stück Wald und bemerkte zum ersten Mal knallrote Vogelbeeren am Wegesrand, die einen herrlichen Kontrast zum satten Grün der Blätter (mittlerweile schien auch wieder die Sonne) bildeten. Es sind die viele. Die sind da definitiv schon länger, aber ich habe sie gestern zum ersten mal gesehen.
  • Bevor ich ins Bett gegangen bin, habe ich auf dem Balkon gestanden und den Fledermäusen zugesehen. Eigentlich wollte ich noch was machen, aber ich bin dann einfach stehen geblieben, habe mich immer wieder freudig erschreckt, wie nah sie an mich heran kamen und habe meine Kindheitserinnerungen genossen. Als ich wieder ins Haus ging hatte ich nasse Füße auf dem Balkon stand noch Regenwasser. Ich habe hervorragend geschlafen.

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