Warum er heute Platten ordnet

Gutenachtgeschichten — Tags: , , , — schuehsch @ 2. May 2009, 22:26

Teil 1

Alt wie sie war, war sie stolz darauf, alleine zu wohnen und zurecht zu kommen. Ihre Familie war groß und glücklich und ihre Enkelkinder machten gerade Abitur. Seit dem sie alleine war, lebte sie in diesem Stadtteil, in dieser Straße, in dieser Wohnung. Sie wohnte gerne hier weil sie fand, dass es sie jünger machte.
Es war ihr sehr wichtig, dass sie aktiv war, nicht einrostete und viel reiste. Sie versorgte ihre ganze Familie mit selbstgestrickten Socken, gehäkelten Topflappen und bestickten Handtüchern. Zu Ostern, Weihnachten, Einschulungen, Abschlussfeiern, Taufen, Geburtstagen und anderen Jubiläen besuchte sie ihre Kinder, die im ganzen Land verstreut lebten und war stolze Besitzerin einer Bahncard 100.
Sie mochte es sehr in lauen Sommernächten unter ihrer kleinen Lampe an ihrem großen Fenster zu sitzen und Handarbeiten zu erledigen. Und sie mochte es noch viel mehr, als irgendwann Musik begann, diese Tätigkeit zu begleiten. Sie verbrachte zahlreiche Nächte an diesem Fenster zur Straße hinaus und hatte bald bemerkt, dass die Musik von schräg gegenüber und irgendwann direkt geradeaus kam.

Das verunsicherte ihn völlig. Die Tatsache, dass in den Bussen nicht immer die Namen der Haltestellen angesagt wurden, verunsicherte ihn völlig. Da er der Sprache dieses Landes nur bruchstückhaft mächtig und erst seit wenigen Tagen in dieser Stadt war, war er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sowieso schon völlig überfordert und die nicht angesagten Haltestellen machten es nicht eben besser. Zu den wenigen Verabredungen, die er hatte, kam er immer zu spät und das auch noch völlig durchgeschwitzt und entnervt. Aber bisher hatte er immer noch nach hause gefunden.
Er lebte in einer kleinen, knauserig möblierten Hinterhofwohnung durch deren zwei Fenster nur zwei Stunden am Tag die Sonne schien. Aber er lebte endlich in diesem Land, was er sich so viele Jahre lang gewünscht hatte. Jeden Tag und viele Nächte arbeitete er daran, seine Sprachkenntnisse und Qualifikationen zu verbessern in der Hoffnung, dass aus seinem sechsmonatigen Praktikum mehr werden könnte.
Als er wieder bis früh in den Morgen an seinem Schreibtisch saß, hörte er Musik. Es waren drei traurige Lieder die ihn an seine Heimat erinnerten, die der Wind durch die Nacht trug. Er lächelte, schaute auf die Uhr, erschrak und ging zufrieden schlafen. Er ging jetzt immer zu Bett, wenn die Musik kam. Kam sie nicht, arbeitete er meist zu lang und schlief zu wenig.

Wenn er es gewusst hätte, wäre das nicht gut gewesen: Ein paar Häuser weiter wartete jede Nacht ein Mädchen auf seine Musik. Er hatte sie damit schon aus Liebeskummer, Schlaflosigkeit und der Leere, die die riesigen Boxentürme der Diskotheken in ihr hinterließen, erlöst.
Eines Nachts machte sie sich auf den Weg, den Menschen, der ihr mit Musik so gut tat, zu besuchen. Sie saß adrett gekleidet, Schuhe und Jacke schon angezogen, ein schmales Päckchen neben sich auf ihrem Bett am Fenster und wartete darauf, dass die Musik anfangen würde. Ihr war klar, dass sie sich ein bisschen würde beeilen müssen, da ja immer nur drei Lieder kamen und ihr nicht mehr Zeit zum Suchen bleiben würde. Als das erste Lied anfing, lief sie durch die Wohnung, die Treppen hinunter, durch den Flur auf die Straße und schaute an den Häusern hinauf. Sie sah nichts auffälliges, folgte nur dem Klang der Musik die Straße hinunter. Vor einem schönen gelben Haus, das ihr noch nie so recht aufgefallen war, blieb sie stehen, lauschte noch einen Moment und war sich dann sicher, dass die Musik von hier kommen müsse. Sie drückte gegen die Haustür, die aber verschlossen war und seufzte. Als es zu regnen anfing, zog sie ihre Jacke zu und schlug den Kragen hoch.
Von einem Bein auf das andere tretend wartete sie darauf, dass jemand hinein ginge oder heraus käme wobei sie mit durch die Tür schlüpfen könnte. Es dauerte ein paar Minuten, dann kam aber ein Mann heraus, der ihr sogar die Tür aufhielt. Dankbar lächelnd ging sie hinein. Die feuchten Sohlen ihrer Turnschuhe quietschten auf dem Kunststoffboden und das Papier um das Päckchen in ihrer Hand war feucht.
In jedem Stockwerk hielt sie ihren Kopf an alle Wohnungstüren und horchte. Meistens war es still, ein mal hörte sie ein Lachen, an einer anderen Tür ein Kind schreien. Ein bisschen außer Atem wegen der vielen Treppen stand sie vor der letzten Wohnungstür ganz oben.
An der Tür stand kein Name. Vorsichtig klopfte sie. Nach drei Dutzend Herzschlägen öffnete sich die Tür und ein junger Mann stand vor ihr.
“Ja bitte?”, fragte er.
“Guten Abend.”, sagte sie. “Ich wohne hier in der Nähe und wollte schauen, woher die Musik kommt.” Sie machte eine Pause. “Bin ich hier richtig?” Er überlegte kurz zu lügen, weil sein erster Gedanke Ruhestörung und der Polizei galt, verwarf das aber dann und sagte: “Ja, die kommt von hier. Habe ich Sie gestört?” Sie wirkte erleichtert und beeilte sich zu sagen: “Nein, nein, ich mag das.”
“Was?”, fragte er verdutzt.
“Na, die Musik in den Straßen. Nachts.”
“Ach so.” … “Oh, äh, regnet es?”
“Ja, es regnet.”, sagte sie, deren Haar tropfte.
“Möchten Sie vielleicht etwas warmes trinken? Ich meine, es ist spät, aber wenn Sie nicht sofort wieder los müssen… Also ich habe mir gerade Tee gekocht.”
“Ja. Gern.”
Er machte ihr den Weg durch die Tür frei. Sie schob sich die nassen Schuhe von den Füßen, ging seiner wegweisenden Hand folgend durch den bunt bebilderten Flur ins Wohnzimmer, schaute sich um und machte ein paar Schritte auf die Stereoanlage vor einer lindgrünen Wand zu. “Oh”, sagte sie, “Sie haben ja gar keinen Plattenspieler.” und hielt das feuchte Päckchen hoch.

4 Comments »

  1. [...] Teil 2 [...]

  2. Bitte, bitte, bitte schreib in Büchern. Ich weiß nicht, wie du’s immer schaffst, aber du schaffst es unheimlich gut Menschen zu charakterisieren. Deine Texte bewegen. Sehr.

    Comment by fgross — 3. May 2009 @ 00:44
  3. *gasp* Danke.

    Comment by schuehsch — 3. May 2009 @ 19:03
  4. da kann ich nur zustimmen.

    Comment by Matthias — 3. May 2009 @ 22:37

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