Warum er heute Platten ordnet
Musik war schon immer da. Nicht erst seit dem ersten Herzschlag oder Regentropfen, nein Musik war schon viel länger bei ihm. Sein Vater hatte ihm immer Lieder aus seiner eigenen Jugend vorgespielt und die verbrauchten Geschichten dazu erzählt. Das war schön. Dem Sohn gefiel das und er lernte dabei.
Dann war da das Mädchen. Natürlich war da ein ganz bestimmtes Mädchen. Es ist immer ein ganz bestimmtes Mädchen da und dann ändert sich alles. In kausalem Zusammenhang. Sie waren lange zusammen, aber nicht für immer. Es war die eine, aber nicht die letzte. Sie ging im Frühling. Alleine blieb er in ihrer letzten gemeinsamen Wohnung in einem Viertel voller Spielplätze, Yoga-Kurse für Schwangere, Biosupermärkte mit Tiernahrung im Sortiment und Cafés in denen selbstverständlich Baby-Lattes serviert wurden, zurück. Nach ihr war die Wohnung weiß, kahl und leer. In seinem Geist hatte er auf diesem Flur bereits das Trappeln der Füße ihrer gemeinsamen Kinder gehört.
Dann kam er eines Abends im Spätherbst auf die Idee, Musik zu hören. Eigentlich war es schon Nacht. Und eigentlich hatte er schon viel zu viele Überstunden, arbeitete aber trotzdem nicht weniger. Er fuhr in die weiße, kahle, leere Wohnung von der er sich scheute, sie Zuhause zu nennen. Er stellte die großen Boxen seiner Stereoanlage auf die Fensterbank. Dann setzte er sich zwischen die Boxen, lies die Beine aus dem Fenster im dritten Stock baumeln und nichts geschah. Er hörte in dieser Nacht nichts. Die Stadt war leise, die Türen in seiner Wohnung quietschten nicht und auch der Dielenboden hörte auf zu knarzen. Völlig erschöpft und taub von der Stille fiel er im Morgengrauen auf seine Matratze und schlief auf der nicht bezogenen Decke sofort ein.
Am nächsten Morgen ging er zum Bäcker gegenüber und kaufte sich ein Croissant. Er aß es am immer noch offenen Fenster auf einem Klappstuhl vor der Fensterbank zwischen den Boxen sitzend. Dann erst ging er duschen und fuhr zu Arbeit. Es war fast Mittag als er dort ankam.
Irgendwann war Wochenende und er blieb zuhause. Er arbeitete nicht durch wie die Monate davor. Nachts, als er das Alleinsein nicht mehr ertrug, hörte er Musik, öffnete das Fenster und beschallte sanft die verschneite Straße mit Liedern, die dem vergangenen Wir etwas bedeutet hatten. Er war ganz vorsichtig und tatsächlich zerbrach nichts in ihm.
Er nahm sich eine Woche frei. Am Freitag vorher ging er früher und packte. Am Wochenende zog er um. Am Montag Morgen kaufte er sich den kleinsten mp3-Player mit 8GB Speicher, den er finden konnte. Bis Mitternacht hatte er all seine CDs digitalisiert, einen Account im größten online Store für Musik und einen vollen mp3-Player. Das kleine Gerät wurde zu seinem ständigen Begleiter. Dienstag lieh er sich einen kleinen Lieferwagen und fuhr zu einem großen Möbelhaus. Er kaufte Bettwäsche, grellfarbige Handtücher, ein Bett und eine neue Matratze, bunte Gläser und einen großen, schweren Ohrensessel mit Fußhocker. Und Unmengen von CD-Regalen. Mittwoch und Donnerstag jagte er mit einer Putzfrau durch die Wohnungen, räumte alles ein, schmiss vieles weg und bezahlte sie mehr als großzügig. Freitag strich er in jedem Zimmer eine Wand lindgrün und stellte Pflanzen und einen Liegestuhl auf seine Dachterrasse. Am Samstag ging er zum Frisör und bestellte Unmengen von T-Shirts im Internet. Sonntag schlief er aus und fühlte sich zuhause. Sonntagabend packte er seine Anlage aus, verlegte Kabel uns positionierte die Boxen an den Türen seiner Dachterrasse.
Er wohnte jetzt drei Häuser weiter direkt unterm Dach und ging jeden Tag an dem Haus vorbei, in dem er vorher gewohnt hatte. Er sah nie hoch zu den Fenstern im dritten Stock. Als dort Gardinen hingen, hatte er schon vergessen und das Haus war nur noch ein Haus wie alle anderen in der Straße.
Als er soweit war, dass er unter dem Himmel lauer Sommernächte Musik spielte, dachte er auf der Arbeit mehr über die maximal drei Stücke, die er der Straße pro Nacht gönnte, nach als über seine Projekte oder das gegangene Mädchen. Er mochte es so. Er vergaß sie über die Musik hinweg.
Nachts, immer erst weit nach Mitternacht, öffnete er die Türen zur Dachterrasse, legte drei CDs in den Wechsler seiner Anlage oder spielte eine der sehr kurzen Playlists auf seinem Computer ab. Dann legte er sich in den Liegestuhl und manchmal schlief er dort ein. Er kaufte immer wieder noch bessere Boxen, Kabel und Stecker, bis er mit dem Klang zufrieden war. Ganz zufrieden war er natürlich nie, aber wenigstens für eine kleine Ewigkeit befriedigt. Er genoss es. Es kam nie die Polizei. In allen Audiogeschäften der Stadt kannte man ihn. Nie sprach er mit jemanden über diese Nächte voller Töne. Er hätte auch nicht gewusst, wozu.



[...] Teil 1 [...]