One of these days
Es ist wieder einer dieser Tage. Sie schreckt auf, weil überdimensionale Insekten sie im Traum verfolgt haben. Draußen wird es erahnbar hell und sie hat nur vier Stunden geschlafen, weil der Hund ins Bad gekotzt hat. Sie will die graue Stille dieses Morgens spüren, einen Kaffee in der unaufgeräumten Küche trinken, doch der Kaffee ist leer. Ein Glas Milch soll’s tun, aber es ertönt bereits das Weckerpiepsen aus dem Kinderzimmer, das Signal zum allmorgentlichen Ausbruch einer Heuschreckenplage. Sie schließt für einen Moment die Augen und begibt sich dann ins Kinderzimmer, öffnet die Rollläden und wird mit Kuscheltieren beworfen. In der frühen Alltäglichkeit gilt es dann noch kleine Katastrophen wie bis zur Untragbarkeit verdreckte Lieblingstshirts, unauffindbare Hausaufgabenhefte (ob der Hund…?) und zerrissene, aber doch farblich zu den Ohrringen ihrer Tochter passende, Schnürsenkel zu lösen.
Als sie jedes Kind an seiner Schule abgesetzt hat, ist Ruhe im Auto. Sie schaltet ruhiger und fährt zur Arbeit. Im Büro ist es noch leer, aber kaum, dass sie E-Mails gelesen hat, klingeln schon drei der vier Telefone im Großraumbüro. Das Gespräch, das sie annimmt ist ihr Schreibtischnachbar, der sich für heute krankheitsbedingt trotz der wichtigen Präsentation entschuldigen lässt – ob sie nicht vielleicht? Sie verspricht, eine Lösung zu zaubern. Die Kollegen trudeln nach und nach ein und bis zum Mittagessen verfallen alle in routinierte Hektik. Das Essen in der Kantine war schon mal besser, aber es ist sowieso nur Zeit zur Nahrungsaufnahme, nicht zum Genuss. Ihre Tochter ruft auf dem Handy an, ob sie heute nicht mit zu Lucy gehen und dort schlafen könnte? Die würde ihr auch Klamotten leihen… Das Mädchen hat noch nicht zuende erklärt, da ist die Mutter schon einverstanden und mahnt nur obligatorisch die Hausaufgaben an. Kurze Zeit später ruft der Jüngste an, ob er heute vor dem Fußball, also nach der Schule noch zu Dominik… Der Vorschlag seiner Mutter, doch direkt dort zu übernachten, überrascht ihn völlig, wird aber angenommen. Dann stirbt der Akku ihres Mobiltelefons.
Der Nachmittag bleibt den vorangegangen Tageszeiten treu und zwingt ihren Rechner mehrfach in die Knie und sie zu Überstunden. Als dann auch der Drucker nur noch Zicken macht, fährt sie nachhause. Beim Bäcker um die Ecke gibt es kein Brot mehr und das heimische Gefrierfach ist auch leer, dafür hat der Hund genug gefressen um in den Flur zu kotzen.
Sie macht sauber und sinkt erschöpft in einen Sessel – neben ihr die Fernbedienung. Wenige Knopfdrücke später ertönt elektronische Musik. Zurückgelehnt entspannt sie sich, schließt die Augen und ist sich ganz sicher, dass draußen die Sonne scheint. Der Hund legt sich erschöpft neben sie und fast nicken die beiden ein. Als sie eine Berührung auf ihrer Schulter spürt, öffnet sie die Augen und ist überrascht, ihren Mann zu sehen. Die Konferenz sei früher als erwartet vorbei, er hätte sie auf dem Handy nicht erreicht… Er brüllt gegen den Beat an. Ein Knopfdruck bringt Stille. Für die weitere Abendgestaltung wählt sie ihren Lieblingsitaliener und trägt ihrem Ältesten, den sie im Hausflur treffen, auf, mit dem Hund raus zugehen.
Im Restaurant wippt sie mit den Füßen den Tackt ihrer elektronischen Musik. “Was hast Du da vorhin eigentlich gehört?” Sie lächelt.