Aufklärungsunterricht in Sachen Popfeminismus – Wie es war

Wie bereits angekündigt, war ich heute in der Aula der Universität des Saarlandes (UdS) um Sonja Eismann, Herausgeberin des Missy Magazines (über das kürzlich hier gebloggt wurde), aus ihrem Buch “Hot Topic: Popfeminismus heute” lesen zu hören.

Angekündigt war die Veranstaltung als Aufklärungsunterricht in Sachen Popfeminismus mit anschließendem Konzert von Poodle Curry. Schöner Gag: Eintritt 2 €, für Männer frei. Das haben auch viele genutzt. Nach meiner vorsichtigen Schätzung waren 70 Leute da, davon habe ich knapp die Hälfte für Männer gehalten. Zwischen Konzert und Lesung gab es dann noch eine seichte Gesprächsrunde zum Themenkomplex. Kurz zur Musik: Leider habe ich nur die ersten zwei Lieder mitbekommen. Und nach dieser Kostprobe will ich mehr und werde zu einem Konzert gehen.
Die Aula ist relativ groß und war nur etwa zur Hälfte bestuhlt (was auch mehr als ausreichend war). Im vorderen Bereich wurden auf Stellwänden passende Artikel, Titelblätter und Comics ausgestellt (dabei natürlich das Missy Magazine mit einer eigenen Stellwand). Das war sicherlich nicht mit übermäßig viel Aufwand verbunden, hat zur Einstimmung aber gut funktioniert und wurde rege genutzt.

Die Organisatorin Florentine Hirsch stellte Sonja so enthusiastisch vor, dass diese sich erst mal ausgiebig dafür bedankte, dann aber leider selbst beim Lesen Begeisterung vermissen ließ. In einer zu eng bestuhlten und schlecht beleuchtetet Aula hat Sonja ausschnittsweise die Beiträge von Chris Köver, Stephanie Müller, Ina Freudenschuss und Julie Miess aus dem Buch sowie einen kurzen Text aus dem Missy Magazine von Christiane Rösinger vorgelesen. Die Texte sind unterhaltsam geschrieben und haben mir in der Kombination eine gute Vorstellung gegeben, worum es in diesem Buch geht und was zur Bandbreite des Themas Popfeminismus gehören könnte. Was Popfeminismus genau ist, weiß ich immer noch nicht, aber vielleicht wurde das auch erzählt, während ich damit beschäftigt war, Bilder zu machen.
Das Buch scheint einen umfassenden Überblick über aktuelle Trends und Entwicklungen im Feminismus zu geben und wird sehr durch den Blick über den Tellerrand (zum Beispiel nach Amerika) bereichert. Die Herausgeberin hat das Publikum weder mit ihrer Textauswahl noch mit ihrer Vortragsweise überfordert. Einige Lacher aus den Reihen des klatschfaulen Publikums haben sie da mehrfach bestätigt. Wo es nötig war, hat Sonja Erklärungen geliefert, ohne jemanden für dumm zu verkaufen. Lesung, Gesprächsrunde und Konzert zu verbinden war eine hervorragende Idee, ist dem Thema sehr gerecht geworden und hat auch für das Publikum gut funktioniert.

Auf dem Podium: Marion Bredebusch (Moderation), Sonja Eismann, Dr. Sybille Jung (Frauenbeauftragte der UdS), Jürgen Müller-Ney (Geschäftsführer des Medienzentrums der UdS – und ja, ich finde deren Homepage auch peinlich), Inez Schaefer (Sängerin von Poodle Curry) und Dr. Frank Schwab (PD für Medien- und Evolutionspsychologie an der UdS) sowie Florentine Hirsch (Organisatorin, ehemals AStA-Referentin für Familie und Gleichstellung).
In entspannter aber nicht kontroverser Runde wurden die kurzen Monologe der Teilnehmer von Marion Bredebusch zu einem Gespräch unter Einbeziehung von Publikumsfragen verknüpft. Einige Auszüge:

In der ersten Stunde Informatikunterricht: Die Mädchen sollen sich ganz nach hinten setzen, die machen nur die Computer kaputt – Dr. Sybille Jung

Das Auftreten der Fauenbeauftragten der Uni war angenehm persönlich (“Lasst den Begriff “Rabenmutter” nicht zu!”). Dr. Sybille Jung hat die Veranstaltung weniger zur Bewerbung der Uni genutzt, sondern das Gespräch mit persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen bereichert. Trotzdem spannend, was sie über die Uni erzählte: Seit Jahren liegt der Anteil der Studentinnen über 50 Prozent. Die absolut 29 Professorinnen machen jedoch nur 11 % des Gesamtprofessoriums aus (womit man knapp unterm Bundesdurchschnitt liegt).

Woran liegt’s denn nun? Sind’s die bösen Männer oder sind wir Frauen zu doof? -Zuschauerfrage

Wahrscheinlich unvermeidlich steuerte das Gespräch auf die Frage zu, wer an der Nicht-Gleichberechtigung denn nun Schuld sei. Sonja Eismann nannte mehrere Faktoren, die zusammenspielen: Es gäbe keine vorbildlichen weiblichen Rollenbilder, in der Sozialisation würden nach wie vor Männer dafür gelobt sich durchzusetzen und Frauen dafür, wenn in der Familie alles gut läuft. Spätestens bei der Kindererziehung würden viele Frauen ins Familiär-Häusliche gedrängt oder würden dies bewusst wählen. Schließlich hätten Männer die besseren Netzwerke und es gäbe einfach noch zu viele Rollenbilder, die überwunden werden müssten.

Frauen sind keine Minderheit, die sich wehren muss. Sie bevölkern den halben Planeten! -Zuschauerkommentar

Wie alles so dahin plätscherte, kam aus dem Publikum der Einwand einer jungen Frau, dass sie von der Veranstaltung enttäuscht sei und sich etwas anderes versprochen habe – Aufklärungsunterricht eben. “Mir fehlen die neuen Impulse, das habe ich alles schon mal gehört. Ich hatte mir neue Rollenbilder erhofft oder Erläuterungen, wie man denn nun emanzipiert zusammen lebt.”, beschwerte sie sich. Reagiert wurde darauf mit dem Hinweis, dass die Probleme und die Themen immer noch die gleichen seien und es außerdem erstrebenswert sei, außerhalb von Rollenbildern zu leben (Sonja Eismann). Wiederum aus dem Publikum kam die Reaktion, dass Feminismus “ein kollektives Projekt ist und nichts, was man nur konsumiert”.

Sonja Eismann: Ich seh immer nur Frauen die umgebracht werden.
Dr. Frank Schwab: Ja, das ist das Problem, wenn man nicht zählt.

Dr. Frank Schwab erzählte von einigen seiner Untersuchungen, zum Beispiel einer über den Tatort und die Fragen, ob dort mehr Frauen oder Männer umgebracht werden (deutlich mehr Männer) und wie sich das Verhältnis der Kommissarinnen zu ihren Kollegen entwickelt hat. Interessanterweise ist das Verhältnis von weiblichen und männlichen Kommissaren im Tatort völlig unrealistisch. Bis vor kurzem gab es in Deutschland genau eine Kommissarin in der Mordkommission und die wurde pensioniert. Einen interessanten Denkanstoß hat er in seinem Schlusswort gegeben, indem er darauf hinwies, dass “Rollen” als Begriff schon Metaphern sind und man besser von Regie sprechen solle.

Wenn sie nicht tätig werden- und zwar jetzt – verändert sich nichts. -Zuschauerkommentar

Fazit: Die Veranstaltung war deutlich weniger hip als ich befürchtet hatte. Die Atmosphäre war locker und entspannt, ein paar Denkanstöße habe ich mitgenommen, aber keine leuchtenden Erkenntnisse. Von daher hätte der Veranstaltung mehr Biss und Heterogenität unter den Gesprächspartnern gut getan.
Dadurch werden aber weder Buch noch Thema weniger spannend. Es muss noch viel passieren.

1 Comment »

  1. okay, also ich weiss jetzt zwar auch nicht was genau _pop_feminismus sein soll, aber ich habe nun zumindest ne ahnung wer und was sich damit befasst. schönes fazit – mit dem “ja eigentlich ist alles wie immer, gleichen probleme, keine neuen ansätze”. das wär dann schon arg schade, wenn sichs nur um ne weitere worthülse für das baby handelt….

    ansonsten – gut geschrieben, könnte besser (überlegter, gereifter, usw.) sein, sicher – aber das hier is ja schliesslich’n blog, nä?!

    achja. keine kommissarinnen in den mordkommissionen. hm. also wenn ich mal davon ausgehe, das man frauen durchaus die fähigkeit zu fast perfekten verbrechen unterstellen kann, finde ich es höchst dümmlich von der männerwelt, keine frauen an diesen positionen zu haben. so wunderts doch überhaupt nicht, das die aufklärungsrate so derbe niedrig ist. uns fehlt einfach diese weibliche kriminelle denkweise….

    Comment by bemme51 — 5. December 2008 @ 12:38

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