Femme-Geek-Chic

“Brauchen Frauen Girl Geek Dinner und ein Magazin wie Missy?” ist die falsche Frage. “Wollen wir das?” muss es richtig heißen. Wollen wir kollektiv aufgemuntert werden und uns zusammenrotten, weil wir es ach-so-schwer haben? Die Antwort kann nur “Nein!” – mit geballten Fäusten – heißen. Was will dann dieses Magazin von uns?

Eine konzentrierte Lektüre der ersten Ausgabe des Missy Magazine.

Um vorne zu beginnen: Der Ring am Finger des Mädchens auf dem Cover, der ist ganz weit vorne #auch_will
Ausnahmsweise erntet auch ein Editorial bereits Respekt von mir: Man (! – alles andere wäre auch albern) erscheint im Selbstverlag. Im Editorial formuliert die Redaktion einen Anspruch an ihr Produkt. Sie wollen etwas sein, was bisher fehlte.

Ein Magazin [...] das mit einer feministischen Haltung über Popkultur, Politik und Style berichtet, uns [Frauen; junge Frauen!?] für voll nimmt, statt uns als Summe unserer Problemzonen zu behandeln.

“Naja, populistisch”, denk ich und schaue weiter.
Das Layout schwankt irgendwo zwischen brand eins, spex und intro. Schön, dass hier Frauen am Werk sind und mit dem Anspruch, etwas Neues, Anderes zu machen, nicht alles, was schon da ist, verteufeln. Da überrascht es dann auch nicht, dass Katja Ruge mit im Boot sitzt und Dietmar Dath kurz was über Frauen und weibliche Fähigkeiten sagen darf.
Namen wie Christiane Rösinger als zur Ausgabe Beitragende und Bernadette La Hengst als Zuwortkommende halten dann auch das Versprechen echter Popkultur. Darüberhinaus gibt es auch schön viel Kunst. Dinge, die nicht so flüchtig sein müssen, wie man das bei Vielem erlebt, was “in” ist oder war. In diesem Zusammenhang: Das Magazin ist nicht übermäßig Berlin-lastig. Sehr wohl Norddeutschland-lastig, fällt mir aber nicht unangenehm auf.
Hübsches Detail: Seitenzahlen stehen nur unten links, also auf den geraden Seiten – wenn dort keine Werbung ist. Ja, da ist Werbung im Heft. Tatsächlich habe ich davon weniger ignorant überblättert als es bei der Lektüre anderer Publikationen der Fall ist.
Im Städtetipp werden Plätze empfohlen an denen man am besten “essen, einkaufen und knutschen kann”. Genau das braucht man. Im Heft steht viel, was in Deutschland nur bedingt statt findet – es hat einen angenehm weiten Horizont. Hach, und dennoch schön – das Saarland kommt auch vor *zwinker*
Was natürlich an Neon et al. erinnert, ist die Antwortengalerie zur Frage

Wann hast Du Dich das letzte Mal aufgrund Deines Geschlechts benachteiligt gefühlt?

Da geben dann Frauen und auch zwei Männer mehr oder weniger zu erwartende Antworten. Illustriert mit – Achtung, jetzt wird’s hip – Polaroid-look-alike-Bildern.
Natürlich geht es auch um Sex. Was ich ungefähr zum ersten Mal in meinem Leben sehe: eine einseitige Anzeige für einen Vibrator. Der ist auch noch für den Designpreis 2009 nominiert und hat 2008 den reddot design award gewonnen. Wenn ich Zweifel hatte, was das hier für ein Heft ist, was das eigentlich von mir will: jetzt weiß ich es schon ziemlich genau.
Dann ein unsanfter Aufprall: Es gibt einen Artikel über Genitalverstümmelung bei Frauen und Mädchen. Das ist ne ziemlich harte Nummer, ist auch alles andere als Unterhaltung, ist aber Realität. Und ich bin versucht zu sagen: Muss sein, man kann nicht genug darüber informieren und dagegen tun. Das ist keine Popkultur, das ist irgendwo zwischen Aufklärung, Politik und Gesellschaftskritik. Ein bisschen Anmaßung lohnt sich.
Ungleichberechtigung ist überall, im ganzen Heft Thema. Wenn man der Ansicht ist, dass die Thematisierung von Ungleichberechtigung Quatsch ist, oder es sich dabei gar um einen natürlichen Zustand handelt, wird man das natürlich nicht mögen. Hält man Ungleichberechtigung für den Untergang des Abendlandes wird man sich aufregen, dass hier nicht zum Sturm auf die Bastille gerufen wird. Liest man das Heft einfach mal entspannt durch, wird einem angenehm auffallen, wie unverkrampft dieses große Thema angesprochen wird, wie selbstverständlich und locker es Teil des Heftes ist; wie sie “feministische Positionen vertreten, ohne die Emma zu machen. das wirkt Souverän.”

Es ist doch so: Wenn Popkultur-Journalismus ein Spielplatz ist, dann sind 80 Prozent dieses Spielplatzes von Jungs besetzt. [...] Missy ist so etwas wie Gummitwist, reserviert für Mädchen. (Editorial)

Gummitwist mochte ich nie, aber ich fange an, die Missy zu mögen.
Bewährungsprobe. Die Klamottenseiten sind mehr so lala – was schade ist, da ich mir inter der im Web stehenden Überschrift (“SCHLAU ANGEZOGEN – Diese Frauen wissen Bescheid über Computer, Musik und Wissenschaft und sehen dabei irgendwie super aus. Die besten Streberinnen-Outfits für diesen Herbst.“) etwas viel Tolleres erhofft hatte. Die Accessoires sind toll und tragbar was für die Kleidungsstücke nur begrenzt gilt. Nach den Preisen habe ich gar nicht erst geschaut, ahne aber nichts Erfreuliches. Aber dann gibt es da ja noch den Hinweis auf die modischen Kleinode von den Wühltischen irgendwelcher Supermarktketten. Das wäre aber ehrlich gesagt deutlich hilfreicher, wenn direkt dabei stünde, in welchem Supermarkt diese Schätze zu finden sind. Auch in Zeiten von Google darf man Quellen nachvollziehbar angeben. Hobnox unterstützt die Missy (Winner of Evolution Contest). Das Preisgeld finanziert das Heft bzw. die Arbeit, die dahinter steckt.
Im Magazin sagen Frauen brauchbare Sätze wie:

Die [Mode] ist ein phantastisches Spielzeug. Sie kann meine Laune in Minuten aufpolieren. [...] Mein Flohmarkt heißt Ebay.

Das überlese ich nicht einfach so, mir gefällt das. Das ist nicht altbacken, aber auch nicht so hip, dass ich mich doof fühle.
Das Bedürfnis nach dem Howto “Wie klebe ich mir einen Bart” mit dem Literaturtipp”Drag Kings – Mit Bartkleber gegen das Patriarchat” scheint mir maximal mangelhaft zu sein und riecht dann doch etwas nach Emma. Und wenigstens der Titel des Buchtipps lässt die sonst so vorzügliche Entspannung des Magazins im “Geschlechterkampf” vermissen. Aber vielleicht verstehe ich es auch einfach nur nicht.

Die Missy ist kein Anfang. Die Missy ist keine Revolution, weil das albern wäre. Und die in vier Ausgaben pro Jahr wohl auch nicht zu machen wäre. Die Missy holt mich da ab, wo ich bin und bringt mich ein Stück weiter.
Ich mag das Papier, aber die Druckerschwärze stinkt unangenehm. Im Impressum steht, dass die sich ein Korrektorat leisten, so lesen sich die Texte auch.
Dann waren da noch Platten- und Filmkritiken, Buchbesprechungen und Kunst. Fehlen eigentlich nur noch Computerspiele und Comics. Ah, und da, im Comic auf der letzten Seite ist dann auch ein bisschen Gefühlsduselei. Prima.
Nachdem ja nun klar ist, was diese Zeitschrift hinter sich gelassen hat, hoffe ich auf Texte über weibliche Führungskräfte und Vorgesetzte und noch irgendwie Auseinandersetzung mit Gefühlsduselei.

Was will das nun von mir? Will ich Missy? Ernstgenommen fühl ich mich (ich möchte sagen: Trotz des Titels der ganzen Geschichte) und “das Weibliche” in den Texten und Themen sehe ich auch – nicht nur da, wo Frauen interviewt werden. Und Missy ist unabhängig von Verlagen. Ich denke ernsthaft über ein Abo nach. Langzeittest, schauen, wie es wird. Einen langen Atem wünsche ich der Redaktion. Wer noch ein Heft der ersten Ausgabe will, sollte sich wohl beeilen - im Blog steht, sie hätten nicht mehr viele.

PS
Liebe Missy-Redaktion: Wenn ihr das nächste Mal jemande braucht, die euch etwas in Lautschrift transkribiert, schreibt mir ‘ne Mail weil das, was da auf Seite 49 steht, das ist… äh… Humbug.

5 Comments »

  1. Habe gestern dann auch mal kurz durchgeblättert, aber beschlossen, mir das Heft nicht zu kaufen. Missy ist vermutlich wichtig, siehe Popkultur-Journalismus, und im Vergleich zu allem anderen für die Zielgruppe sogar richtig (schön) nerdig. Aber ich kaufe sowieso kaum noch Zeitschriften, zu viel Wiederholung. Jungs können das lesen, sollten das zum Teil vielleicht sogar lesen, aber müssen das nicht lesen. Der Bart wächst bei mir eben von selbst.

    Comment by Matthias — 31. October 2008 @ 15:36
  2. Liebe schuehsch.

    Vielen Dank für das ausführliche Feedback zum Magazin und freut uns sehr zur hören, dass dir die erste Ausgabe (größtenteils) so gut gefällt. Das lässt unsere Redakteurinnen-Herzen höher schlagen. Hoffe, wir können dich bei der Stange halten und vielleicht sogar noch für ein Abo gewinnen. Oder als Lautschrift-Beraterin.

    Herzlich,
    Chris Köver

    Comment by Chris K. — 31. October 2008 @ 16:20
  3. [...] Darum graut es ihr vor sauberen Küchen, mit ihren Fotos feiert sie die Unordnung Femme-Geek-Chic Eine konzentrierte Lektüre der ersten Ausgabe des Missy Magazine. [...]

    Pingback by Genderblog » Kurz verlinkt (11.11.2008) — 11. November 2008 @ 15:46
  4. [...] Universität des Saarlandes (UdS) um Sonja Eismann, Herausgeberin des Missy Magazines (über das kürzlich hier gebloggt wurde) aus ihrem Buch “Hot Topic: Popfeminismus heute” zu [...]

  5. [...] Seiten!)” kam mir abhanden, bevor ich ihn eines Blickes würdigen konnte. Mein Maxi-Exemplar habe ich nach dem Missy Magazine gelesen und schubse nun folgende Auffälligkeiten in [...]

    Pingback by schuehsch.net » Maxi lesen, wenn man Missy kennt — 4. January 2009 @ 23:36

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