Kurzstrecke reicht nicht

Alltag — Tags: , , , , — schuehsch @ 12. August 2008, 01:00

Neulich fuhr ich Bus. Ich fuhr irgendwo los dorthin, wo diese Geschichte los geht. In den Norden der Stadt. Keine schöne Ecke, aber man kann als Mädchen nachts noch alleine rausgehen ohne um sein Leben oder seine Unschuld bangen zu müssen (in Portraits der öffentlich-rechtlichen Sender würde die Erzählerin aus dem off jetzt sagen: “Ich hatte beruflich dort zu tun.”, was aber auch niemandem nichts erklärt). An einer großen Bushaltestelle wollte ich einen Bus zurück ins Zentrum nehmen. Um mir wir Wartezeit zu verkürzen ging betrat ich die Bäckerei, vor der die Bushaltestelle sich heute noch befindet und äußerte einer Verkäuferin gegenüber meine Absicht ein Buttercroissant zu erwerben. Es war 15:38 Uhr. Sie sagte nein. Wie meinen? Nun, es täte ihr leid, aber sie hätte das letzte Buttercroissant für heute - man würde in wenigen Minuten schließen - dem Herren neben mir verkauft. Der Herr neben mit wartete auf einen Automatenkaffee von irgendwo hinter der Verkaufstheke. Der Herr stellte sich als sehr freundlich heraus und schenkte mir das Croissant. Im Gegenzug zahlte ich seinen Kaffee. Mir fielen seine unglaublich blauen Augen auf. Schönen Feierabend noch, liebe Bäckereifachverkäuferin.
Später sprach er mich an. Er wolle zum Rathaus, ob dieser Bus dahin führe? Da die Antwort darauf “Nein, aber doch” lautete, unterhielten wir uns kurz und er enthüllte eine erstaunliche Ortskenntnis für jemanden, der nicht weiß wo eine der Hauptbuslinien hält. Auch bei seiner Frage nach der sinnvollsten Fahrkarte konnte ich ihm weiterhelfen. Ich stieg ein. Als er beim Fahrer eine Karte gekauft hatte, bedeutete ich ihm, er könne sich neben mich auf einen der wenigen freien Plätze im Bus setzen. So he did. We talked. Er fragte nie nach meinem Namen. Er war sehr höfflich. Er hatte unfassbar blaue Augen. Er war zum Geburtstag seiner Mutter in der Stadt, womöglich ihr letzter, man wisse ja nie. Eigentlich würde er in Argentinien leben, hätte dort aber gerade seinen Haushalt aufgelöst. Jetzt führe er in die Stadt um für seine Mutter Strumpfwolle zu kaufen. Ob ich mich für Kunst interessierte? Er wäre in der aktuellen Picasso-Ausstellung gewesen. Ganz schön. Ja, er hätte dem Museum seinen Picasso für die Dauer der Ausstellung geliehen. Er lächelte in meine überraschten Augen. Ich würde doch sicherlich viel lesen? Als er meinen Lebensentwurf, gefühlt den Entwurf eines kleinen Mädchens, welches nichts weiß, kennt und nur einfach-so-will, sah er mich fast stolz an. Vielversprechend. Verständnis. Vorbeigehen.
Ich stieg aus. Als der Bus an mir vorbei fuhr, nickte er mir zu. Ich glaube ihm noch heute jedes Wort. Seit dem fahre ich viel lieber Bus.

2 Comments »

  1. Noch sieben Minuten, dann kommt der Bus.

    Er vergräbt die Hände tiefer in den Taschen der dünnen Jacke und versucht, die Kälte zu ignorieren, die allmählich in seine Kleider dringt.

    Den Mantel hätte er anziehen sollen, aber er konnte ja nicht ahnen, wie das heute laufen würde. Eigentlich sollte er jetzt auf dem Sofa liegen und sich den Regen aus der Sicherheit seiner Wohnung anschauen. Naja, natürlich ist es nicht wirklich seine Wohnung, sonst würde er ja nicht hier stehen, in diesem lächerlich kleinen Wartehäuschen an der Bushaltestelle.

    Ein Windstoß treibt den Regen unter das Vordach und er versucht, sich noch ein Stück näher an die Rückwand zu druecken. Viel nutzt es nicht. Er bewegt seine Zehen in den Schuhen, um zu herauszufinden, ob er sie noch spüren kann.

    Und in sechs Minuten kommt der Bus.

    Die ganze Geschichte ist sowieso ein schlechter Witz. Das kann er niemandem erzählen, ohne daß sein Zuhörer ihn automatisch für völlig verblödet hält. Eigentlich steht er nämlich deshalb hier im Regen, weil er ihr den Müll runtergetragen hat. Und was macht sie? Sie war es doch, die unbedingt mit ihrem Ex ins Bett gehen und es ihm dann auch noch brühwarm erzählen mußte.

    Liebe, behauptet sie, besteht nicht darin, mit niemand anderem zu schlafen, Liebe besteht darin, ehrlich zueinander zu sein. Das sind so ihre Kalendersprüche, genauso wie: “Es gibt keine Entschuldigungen, es gibt nur Erklärungen” oder “Es gibt keine Schuld, es gibt nur Verantwortung”. Und all das, behauptet sie, sei die Grundlage für Vertrauen.

    Aber das ist jetzt auch egal, denn in fünf Minuten kommt der Bus.

    Vertrauen, echt ein guter Witz! Sie schnüffelt in seinen SMS herum, sie macht sein Handy kaputt und am Ende fängt sie ein großes Geheule an und setzt ihn mitten in der Nacht vor die Tür. Hätte ihr ja wenigstens etwas früher einfallen können, das mit dem verlorenen Vertrauen, als es noch hell war und auch noch nicht aus Eimern geregnet hat.

    Ein Windstoß bringt die Straßenlampe an ihrem Haltekabel zum Schaukeln. Auch der Schatten, den das Wartehäuschen wirft, beginnt hin und her zu schwingen wie ein Uhrpendel. Eine Mülltüte aus gelbem Plastik purzelt vorbei.

    Scheiß Mülltüte, denkt er. Wenn die nicht gewesen wäre, ja, wenn er die nicht runtergetragen hätte, dann wäre das Alles nicht passiert. Dann wäre dieses Zeug, das ein paar Tage vorher noch eine Spaghettisoße gewesen war, nicht auf seiner Hose gelandet.

    Er schaut auf die Uhr. Noch vier Minuten, dann kommt der Bus.

    Seine Hand streicht unwillkürlich über die Stelle, wo der Fleck war. “Du kannst ja schon mal die Hose ausziehen”, hatte sie gesagt und das war einer von diesen Privatwitzen gewesen, wie Pärchen sie zu haben pflegen. Dann hatte sie sich grinsend daran gemacht, den Fleck mit einer Bürste und Seifenpulver auszuwaschen. Das war vielleicht gut gemeint, aber eben leider nicht gut gemacht. Denn wenn sie sich die Hose mit etwas weniger Schwung vorgenommen hätte, wäre das Handy, das er in der Tasche vergessen hatte, nicht im hohen Bogen durch das Badezimmer geflogen, um sich am Sockel der Kloschüssel dann in seine Bestandteile zu zerlegen.

    Sie hatte ein Talent, solche Mißgeschicke irgendwie komisch zu finden, aber dann war es ihr doch peinlich gewesen und sie hatte aus einer Schublade ein altes Handy hervorgekramt. Dann hatte er seine Telefonkarte aus den Trümmern herausgefischt und in das verdammte Ding eingebaut.

    Und noch drei Minuten, dann kommt der Bus.

    Wer hätte denn auch ahnen können, daß dieses blöde Teil ankommende SMS nicht auf der Telefonkarte speicherte, sondern im Telefon selbst? Wer hätte denn ahnen können, daß ausgerechnet dann die Nachricht von dieser anderen Frau ankommen mußte. Die hatte ihn ja fast mit Gewalt aus seiner Stammkneipe abgeschleppt, wo er eigentlich nur in Ruhe ein Bier hatte trinken wollen.
    An sich sollte das ja kein Problem sein, denn sie hatten ja eine offene Beziehung vereinbart, nur eben mit diesem Vertrauenskram als Bedingung.

    Naja, jedenfalls war dann die Nachricht auf ihrem alten Handy geblieben, als er es zurückgetauscht hatte.

    Aber sie hätte sie ja trotzdem nicht lesen müssen.

    Er spürt einen kalten Fleck an seinem linken Fuß, als habe er Wasser im Schuh. Natürlich kann er jetzt nicht nachsehen, aber wenn man es nur vermutet, ist es irgendwie noch schlimmer, als wenn man es weiß.

    Und in zwei Minuten kommt der Bus.

    Er reckt seinen Hals, um die Straße hinab zu spähen. Ein alter Mann mit einem riesigen Regenschirm kommt durch die Regenschleier langsam auf die Haltestelle zu. Dort angekommen, faltet er zuerst den Schirm zusammen, holt eine Brille aus der Tasche und steht dann blinzelnd und mit hängenden Armen vor dem Bildschirm des Fahrkartenautomaten.

    Genau so hat er vor ihrer Tür gestanden, nachdem sie ihn ins Treppenhaus hinaus geschoben hatte. Er müsse doch nur zugeben, einen Fehler gemacht zu haben, hatte sie gesagt, aber er hatte nicht eingesehen, das nur um des lieben Friedens willen zu tun. Schließlich war er doch ehrlich gewesen, hatte ihr immer Alles anvertraut.

    Eigentlich.

    Naja, er hätte es getan, wirklich bald, wenn nicht vorher dieser Mist mit dem Telefon passiert wäre.

    Und in einer Minute kommt der Bus.

    Der alte Mann steht immer noch reglos vor dem Fahrkartenautomaten. Er will nicht weiter darüber nachdenken und wendet sich ab, doch da sieht er nur sein Spiegelbild in der gläsernen Verkleidung des Wartehäuschens. Plötzlich weiß er, warum es manchmal so unheimlich ist, das eigene Spiegelbild zu sehen. Schließlich sieht man jemandem ins Gesicht, der jetzt, gerade jetzt die eigenen Gedanken lesen kann.

    In der Entfernung sieht er die Lichter des Bus, der sich der Haltestelle nähert. Er geht hinüber zu dem alten Mann, drückt ihm seine Fahrkarte in die Hand und sagt: “Hier, nehmen Sie ruhig, ich brauche die Karte nicht mehr.”

    Und dann geht er durch den Regen, in die Richtung, aus der er gekommen ist. Nach ein paar Augenblicken fährt der Bus brummelnd an ihm vorbei. Der alte Mann winkt ihm zu und er winkt zurück.

    Comment by dombart — 12. August 2008 @ 11:05
  2. So was, in den Kommentaren versteckt er sich.

    Comment by Diane — 12. August 2008 @ 14:08

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