Wenn man in der Diaspora mit einem Spreeblick-Autor zusammen wohnt, passieren einem ja die seltsamsten Dinge. Das geht von einem Igel auf meinem Schreibtisch über eine defekte Duschkabine hin zu Plug’n'Play-Balkonen und hört auch dort noch nicht auf.
Heute klopft es zu einer Zeit, zu der ich meine Eltern nicht mehr anrufen können würde (habe ich als brave Tochter natürlich bereits heute Nachmittag vor dem Aufstehen gemacht) an meiner Zimmertür. Der werte Herr Mitbewohner wünscht meine Künste als Lottofee in Anspruch zu nehmen. Äh. Aha. Ob ich denn kein Spreeblick lesen würde. Doochdochjasicher. Na, also. Wir verlosen hier und jetzt die Tomte-Karten für Freitag in Kaiserslautern (nicht Karlsruhe, gell, Nicole) und ich muss aufpassen, dass auch alles mit rechten Dingen zu geht. Ok, can do. Was’n Glück, dass meine Karte schon seit Wochen an unserem Kühlschrank hängt ^^
Ja und dann werden ganz unspektakulär Zettelchen aus einem grauen Beutel gezogen. Andere Leute starren 15 Minuten lang wie gebannt auf den ARD-zeigenden Fernseher um die Lottozahlen am Ende der Tagesschau nicht zu verpassen – und wir machen sowas. Fühle mich sehr 2.0.
Passt aber auch sehr gut zu meinem neuen Hobby: Träume erfüllen.
…habe ich vollkommen vergessen, aber an diesem Schild liegt es sicher nicht.
Trotz umfassender Widrigkeiten habe ich mich in den zwei Wochen offline-Urlaub (tatsächlich habe ich das Internet nur benutzt um eine Zugverbindung für die Heimfahrt zu finden und das Handy blieb auch locker mal 60 Stunden aus) wunderbar erholt. Und ich möchte glauben, dass das dem vielen Wasser zu verdanken ist…
In Deutschland war ich ja wirklich schon viel unterwegs, kenne viele Bahnhöfe Städte, Landschaften und Regionen. Aber in Europa war ich noch nicht viel unterwegs. Immerhin kenne ich jetzt auch Holland. Die Holländische Bahn ist lustig. Man beschriftet wenig, macht nur vereinzelt Ansagen und hält holländisch sowohl für Ansagen als auch für Beschriftungen für die einzig wahre Sprache. Für mich war das jetzt nicht so das Problem (Achtung, Insider: Horray, learning goal!), aber für einige meiner Mitreisenden (Griechen, Türken) war das doch ein eher gravierendes Problem. Ich war freudig überrascht, dass alles “trotzdem” so reibungslos funktioniert und ertappte mich dabei selbst in einem sich deutsch anfühlenden Sicherheitsbedürfnis, dass nach Schildern, Bahnhofswärtern und Durchsagen im gewohnten Überfluss strebt (Noch ein Insider: Become aware of your own culture!). Ebenso deutsch mag es sein, dass ich es für unterstreichenswert halte, dass man Züge in Holland auch gerne mal zwei Minuten zu früh einfahren lässt, wenn sie denn so früh drann sind.
Was mich außerdem sehr beeindruckt hat (sensibilisiert durch die Lektüre eines interessanten Artikels aus der aktuellen brand eins kurz vor meiner Abfahrt), ist die Art der Holländer, zu wohnen. Wer es sich leisten kann, hält sich eine Lebensabschnitts-Immobilie. Das stimmt tatsächlich. Und genauso sehen die Häuser auch aus. Man sieht ihnen die Sorgfalt an mit der in ihnen gelebt wird. Die Holländer mit denen ich gesprochen habe, berichteten mir dann auch, dass man ja an den Wochenenden eigentlich nichts anderes täte als die eigenen vier Wände und das dazugehörige Grün zu pflegen. Das ist vielleicht kein Lebensentwurf, dem ich folgen möchte (Einer geht noch: Think out of the box!), aber wenn es dazu führt, dass alle Häuserzeilen so einladend, hübsch und abwechslungsreich aussehen, ist es mir auf jeden Fall schon mal sehr sympathisch.
Ich ziehe jetzt also nach Holland (natürlich ans Meer) und verbringe meine Zeit dort mit Hauspflege und auf Bahnhöfen. Herrlicher Lebensentwurf.