Balkon gegenüber

Gutenachtgeschichten — Tags: — schuehsch @ 16. June 2008, 18:44

Was sieht er bitter aus. Gegenüber, auf der anderen Seite des Hinterhofs, wohnt ein Typ - allein. In einer viel zu großen Wohnung. Manchmal seh ich ihn, meist aber nur seine Klamotten, die er abends über die Leinen auf dem Balkon aufhängt und erst nach Tagen abnimmt. Und jetzt: Mehr Ränder als Augen, volle Aschenbecher und leere Flaschen. Das kannte ich auch.
Tage später seh ich den drüben halbherzig die Flaschen in Plastiktüten packen. Zugenommen hat er auch. Unrasiert. Der Typ nimmt ein Telefonat an, raucht in dem fünfzehnminütigen Gespräch drei Zigaretten und lacht nicht. Beim letzten Blick nach drüben denk ich noch: viel Glück heut Nacht.
In der nächsten Nacht sitze ich wieder auf meinem Balkon, arbeite und blicke dann doch hinüber. Ein leerer Aschenbecher, daneben ein Topf Basilikum und Wäscheklammern sind neu. Aha.
Nach zwei Tagen Regenwetter schaue ich wieder mal hinüber und bin überrascht. Ein Windspiel. Die Flaschen weg. Er kommt raus, raucht ruhig eine Zigarette, geht wieder rein. Rasiert. Mhm.
Am nächsten Morgen frühstücke ich draußen und sehe am anderen Ende des Hinterhofs ein Mädchen auf seinem Balkon. Sieh installiert Blumenkästen und schleppt Pflanzen in großen Kübeln auf den Balkon. Ihre Haare leuchten in der Sonne. Ach so.
Der nächste Tag ist Samstag und Mittags lockt mich Lärm raus. Drüben. Er und das Mädchen mit den leuchtenden Haaren. Sie lachen. Unten im Hof liegen die Reste eines Tischs, den sie augenscheinlich über die Brüstung geworfen haben.
Am nächsten Tag sitzen sie drüben an einem neuen Tisch auf gepolsterten Stühlen und frühstücken Croissants. Die Sonne scheint. Mittags hängt sie Wäsche auf. Nur Frauen-Klamotten. Sie waschen getrennt. Also: WG. In 15 Jahren in diesem Hinterhof habe ich viel gelernt. Abends arbeite ich nicht auf dem Balkon weil die zwei drüben so laut lachen. Ich hab Dir gar nichts zu sagen.
Als ich aus einem dreiwöchigem Urlaub sonntags wieder komme, blicke ich neugierig nach drüben. Er sitzt dort, ihm gegenüber die Blonde, die ich lang nicht mehr bei ihm gesehen hab. Er hat abgenommen, ausgeschlafen und sich rasiert. Er hält ihre Hand. Viel Glück in den nächsten Tagen.
Am Montag sitzt das Mädchen mit den strahlenden Haaren auf der Brüstung und telefoniert in der Dämmerung. Sie kichert. Ein von Frauenhand eingerichteter Balkon ist Lebensqualität. Ich zieh den Vorhang zu.

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