Tragödie
Ein Mann lebt in Norddeutschland. Er hat ein Haus, auf einem kleinen Grundstück. Bald lebt er da nicht mehr allein, seine Frau zieht ein und noch ein bisschen später belebt und belärmt Kinderfüßetrappeln das Haus.
Das Haus des Mannes steht in einem kleinen Dorf nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Das Haus steht am Ortsausgang, ist das letzte in der Straße. Es liegt dem anderen Deutschland am nächsten. Weil die Straße nur durch Wald und dann nach “da drüben” führt, befährt sie kaum jemand. Ruhig liegt das Haus und das Kinterfüßegetrappel fällt wirklich auf, nur im Sommer sind Landmaschinen lauter. Gegenüber sind Felder, man sieht bis an den Waldrand und jeden Abend steigt der Nebel aus den Wiesen.
Dann gibt es Gerüchte, dass das Land neben dem Haus zu Bauland werden soll. Der Mann mag aber seine Ruhe und beschließt so, noch einen Streifen Land hinzu zu kaufen, damit die Nachbarn ihm nicht zu nahe kommen können. Nun haben die Kinderfüße also mehr Platz und werden auch immer größer, wie so die Zeit vergeht. Nachbarn gibt es keine. Noch nicht.
Dann fällt die Mauer. Mehr Autos befahren die Straße und es ist nicht mehr ganz so ruhig. Wieder heißt es, dass das Land neben dem Grundstück des Mannes als Bauland ausgewiesen werden soll. Wieder hat er keine Lust auf Nachbarn (vor allem, weil ihm vollkommen klar ist, dass “die von drüben” hier bestimmt gern was kaufen werden) und kauft noch ein Mal Land dazu.
Wieder vergehen Jahre, die Kinder ziehen aus, der Mann bekommt die ersten grauen Haare und dann wird endlich wirklich Bauland im Ort ausgewiesen. Auf der anderen Straßenseite. Direkt gegenüber. Dort hat er kein Land gekauft. Er mag auch nicht mehr. Jetzt pflanzt er Büsche vor sein Wohnzimmerfenster, damit er die Nachbarn nicht immer sehen muss.