Du bist voll die blöde Pizza.

Gutenachtgeschichten — schuehsch @ 18. January 2007, 03:48

Eintrag Nummer 250 - Viel Spaß und danke an alle Ideengeber und Wortspender ;)

Charlie ärgerte sich. Er ärgerte sich über seine Mutter. Sie kaufte immer schrecklich viele Dinge “für den kleinen Hunger zwischendurch” - Riegel, Würstchen und Obst. Und er, Charlie, ihm blieb nichts anderes übrig, als sie zu essen. Nur darum war er fett und wurde in der Schule immer wieder gehänselt. Sie hauten auf seinen Bauch und riefen “Checkpoint Charlie”. Warum auch immer. Er verstand das nicht. Er kam aus Grevesmühlen und war noch nicht lange in Berlin. Seine Klassenkameraden hatten auch lauter geheimnisvolle Dinge, die es angeblich nur im Westen gab und machten Geheimnisse daraus, die er nie erfahren durfte. Er war ein Außenseiter.
In Grevesmühlen war es nicht ganz so deprimierend gewesen. Es gab viele Dinge, die er vermisste. Zum Beispiel seine Rasentapete.
Die Wände seines Zimmers waren immer weiß gewesen, bis seine kleine Schwester entdeckt hatte, dass man auf weiß malen kann. Also saß sie in seinem Zimmer, wo auch sonst, und malte die Wände an. Mit grünem Wachsmaler, der auch mit viel Schrubben und großartigen Überredungskünsten nicht wieder von der Wand zu kriegen war.
Irgendwann danach war er mit seiner Mutter einkaufen gegangen. Eigentlich hatten sie alles, aber seine Mutter wollte “nur schnell ein paar Leckereien für den kleinen Hunger zwischendurch” einkaufen und Charlie durfte mit. Im Supermarkt gab es etwas, was Charlie sehr faszinierte: Obst und Gemüse lagen auf Rasen. Nachdem er das Grün, das er für wundersam im Winter auferstanden Rasen hielt, zwanzig Minuten angestarrt hatte, schnappte seine Mutter seinen Arm und zog ihn zur Kasse. “Mama, was ist das Grüne unterm Obst?” fragte Charlie, während seine Mama das Band volllud. “Kunstrasen.” Erwiderte diese. “Was ist Kunstrasen?” - “Teppich, der grün angemalt ist.” - “Wie meine Wände.” Seine Mutter hielt inne und sah in an. “Naja, ja, so ähnlich. Gib mir bitte mal den Warentrenner.” - “Den was?” - “Das farbige, viereckige Teil aus Plastik da an der Seite vom Band.” Er gab es ihr und fragte nicht, wozu es gut sei und wer es angemalt hatte, da seine Mutter begonnen hatte, sich im Nacken zu kratzen und das tat sie nur, wenn sie wütend war.
Auf dem Nachhauseweg fuhr ein sehr altes, sehr großes, rosanes Auto an ihnen vorbei. “Mama schau mal, das Zuhältermobil!” - “WAS?” Entgeistert starte seine Mutter Charlie an. Charlie grinste. “Max hat gesagt, dass ist das Zuhältermobil.” - “Oh Charlie, wie oft muss ich Dir noch sagen, dass Max schlechter Umgang für Dich ist.” - “Aber warum das denn jetzt Mama? Ist Zuhältermobil denn falsch?” - “Ja, ganz falsch, lass das bloß Deinen Vater nicht hören.”
In Berlin hatte Charlie schon zwei Zuhältermobile gesehen. Eines in babyblau und eines in mintgrün. Aber das hatte er seiner Mutter nicht erzählt, auch wenn er immer noch nicht wusste, was an Zuhältermobilen schlimm war.
Nach der faszinierenden Entdeckung des Kunstrasens hatte Charlie einen seiner sehr raren Geistesblitze gehabt und auch, was noch seltener war, umgesetzt. Er hatte sich mit seinem Tuschkasten an die Wand gesetzt und sie noch grüner angemalt, bis es wirklich aussah, wie Rasen. Kaum war er fertig und mit sich zufrieden, da betrat sein Vater das Zimmer, erfasste blitzschnell die Situation und fing an rumzubrüllen. Wie Charlie denn nur könne und alles noch schlimmer und nutzloser Bengel. Er zerrte Charlie zum Bett, setzte sich und legte sich den Jungen über die Knie als die Tür wieder aufging und Charlies kleine Schwester das Zimmer betrat. Den Vater störte das nicht weiter und er erhob seinen Arm um dem Jungen den Hintern zu versohlen. “Kommerzkacke.” Stille. Vater und Charlie sahen entgeistert das kleine Mädchen an. Alle hatten sich daran gewöhnt, dass die Dreieinhalbjährige wohl nie Sprechen lernen würde und jetzt das. “Kommerzkacke” war ihr erstes Wort. “Wo sie das nur wieder her hat” murmelte der Vater, schob sich Charlie unbeachtet von den Knien und rief “Mama, die Kleine hat gesprochen!” - “Was hast Du gesagt?” Schalte es aus der Küche zurück.

“Es ist zwar nichts als Blödsinn, doch es hält die Welt in Atem” element of crime

3 Comments »

  1. Danke. Ich hab herzhaft gelacht.

    Comment by Baum — 18. January 2007 @ 19:18
  2. Grün ftw.

    Comment by moeffju — 19. January 2007 @ 01:15
  3. Bitte, gern geschehen :)

    Comment by schuehsch — 19. January 2007 @ 18:15

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