im Herbst
Sie sagen “P. ist so wunderschön.” Sie sagen “Ich habe P. im Herbst immer besonders geliebt, hoffentlich geht es Dir auch so.” Und ich denke “Ich lebe hier.”
Ja, ich mag es unter nackten Bäumen über trockenes Laub zu laufen, es in die Höhe zu schießen und die Konkurrenz der Farben zwischen den Blättern und den Sonnenstrahlen zu genießen. Es macht keinen Unterschied, wie man die Erde nennt, die jene Bäume ernährt. Es macht für mich keinen Unterschied wo ich glücklich bin.
Es ist ein ganz seltsames Gefühl, Leute von der Touristadt P. schwärmen zu hören, da sie doch das, was ich an dieser Stadt schätze, gar nicht kennen. Die Menschen hier mögen Touristen nicht sonderlich, haben immer ein bisschen die Angst, dass Touristen ihnen die Stadt wegnehmen und wenn ich dann meine Gäste durch’s Zentrum führe, verstehe ich auch, warum. Genau solche Touris sind auch meine Freunde, die alles ganz euphorisch sehen und einfach hier waren und all das Alte genoßen haben. Natürlich ist das legitim. Eigentlich. Denn seitdem ich hier bin, fühlt sich Touristsein komisch an.
Man ist Ausländer fast überall und man ist auch fast überall Tourist. Touristsein ist auch durchaus etwas Positives: Man interessiert sich, man sieht ein bisschen was von einem anders benannten Teil der Erde, man erweitert ein bisschen seinen Horizont. Ja, sogar “die Engländer”, die “andauernd” nach Prag kommen und “24 Stunden durchsaufen” interessieren sich immerhin für Bier. Vielleicht essen sie zwischendurch sogar etwas, was es bei ihnen zu Hause nicht gibt. Man kann das aber auch anders sehen. Man kann es arrogant finden, wenn man auf der Straße direkt auf Englisch nach einer Apotheke gefragt wird und nicht erst, ob man denn englisch spricht.
P. ist schizophren. Ich würde mich gern auf ihre Seite schlagen, aber welche ist das? Sie wollten die K.-Brücke sperren um sie zu renovieren. Protest von allen Seiten. Nun renovieren sie, ohne sie zu sperren. Sie arbeiten vor allem jetzt, im Winter, oder nachts. Das sind sie Zeiten zu denen am wenigsten Touristen auf der Brücke sind.
Es ist schön, dieses Bewußtsein zu haben aber es ist müßig, daraus etwas ableiten zu wollen. Das Leben ist so bunt, dass man, wenn man schwarz/weiß-malt immer etwas verliert.
Ich gehe einfach raus, mit den Blättern spielen, und wundere mich auch im Park gegenüber Fetzen andere Sprachen zu vernehmen. Das ist bunter als die Wirklichkeit.
Der Herbst ist bunter als die Wirklichkeit.