Freche Fragen schaden nie

Gutenachtgeschichten — schuehsch @ 29. October 2005, 00:27

An der Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern klebten viele Aufkleber. Auf einem stand “Freche Fragen schaden nie”. Ich fand das irgenwie… herausfordernd. Ich habe der Herausforderung immer widerstanden.

Es kommt mir so vor, als würde ich zwei Dinge ständig gefragt. Und zwar immer dann, wenn ich erzählt habe, was ich studiere. Zu erst kommt immer die Frage: Und was willst du damit werden? Und ich sage immer das selbe: Glücklich. Wobei das eigentlich falsch ist, weil ich es bin und natürlich bleiben will und bestimmt auch bleiben werde, aber nicht studiere, um es zu WERDEN sondern um es zu SEIN. Von daher ist die Antwort nur fast richtig, in jedem Falle aber verständlich. Und dann kommt die Frage: und was ist dein Lieblingsbuch? Und da würde ich am liebsten antworten: wenn ich nur ein Lieblingsbuch hätte, würde ich nicht Literaturwissenschaften studieren sondern BUCHwissenschaften – benutze dein Hirn! bzw: Gott, lass Hirn regnen – ich will ja gar nicht behaupten, das alle genug haben. Ja. Also: Ich mag viele Bücher. Ich habe kein einziges Lieblingsbuch. Es gibt ein paar, die wirklich gut sind. Es gibt solche, die sind unterhaltend und nett zu lesen (Der Herr der Ringe, Die unendliche Geschichte, Das bleiche Herz der Revolution, Stupid white Men, Der Vorleser, Versuch über die Liebe, Spiele der Erwachsenen) und es gibt solche, die zu interpretieren ist ein Genuss (Iphigenie auf Tauris, Die Weber, Frühlings Erwachen, Götz von Berlichingen, Die Räuber (sehr auffällig – alles Theaterstücke und nur aus drei Epochen)) weil sie voller Absicht und Konzept – einfach gut durchdacht sind. Ich interpretiere eben so gerne, wie ich lese.

Fragt man jemanden, der Maschinenbau studiert nach seiner Lieblingsmaschine? Fragt man jemanden, der Biologie studiert nach seinem Lieblingstier? Einen angehenden Chemiker nach seinem Lieblinsgelement? Leute!

Wenn ihr einen Literaturwissenschaftler etwas zu seinem Fach fragen wollt und wirklich an einem Gespräch interessiert seid, fragt sowas (ja, machnmal bin ich zu gut für diese Welt): Wie hast du das gemacht, dass dir in der Schule nicht das Lesen vergangen ist? Welche Epoche bewunderst du wofür am meisten? Wer war größer: Goethe oder Schiller?

“Erst denken, dann fragen” ist mindestens genauso toll wie “Erst fragen, dann schießen”.

5 Comments »

  1. Größer war wohl Schiller, aber die größten waren wohl Brecht und Heine.

    Und auf was für Papier schreibst du? Liniert oder kariert?

    Comment by xylophon — 29. October 2005 @ 12:40
  2. Blanko ist erste Wahl, aber kariert auch ok.

    Comment by schuehsch — 29. October 2005 @ 13:59
  3. Darum macht Literatur Spass:

    “Der Kontext von Fiktionen hingegen lässt die Frage, wovon sie eigentlich handeln, komplett offen. Der Wirklichkeitsbezug ist nicht so sehr eine Eigenschaft literarischer Werke, als eine Funktion, die ihnen durch Interpretation erst zukommt.”

    Jonathan Culler, Literaturtheorie. Eine Einführung (Reclam)

    Comment by fuzzipuzzi — 29. October 2005 @ 17:54
  4. Denken, fragen, und DANN erst schießen? Das ist mir jetzt echt zu umständlich.

    Comment by moeffju — 31. October 2005 @ 02:12
  5. ich will auch auf falsche fragen die richtige antwort bekommen !!!

    Comment by jona — 1. November 2005 @ 11:19

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