Über den Wolken

Gutenachtgeschichten — schuehsch @ 29. October 2005, 14:00

Er war müde. Er hatte Schmerzen. Er rannte. Er hatte Angst. Sein Herz pochte schmerzhaft und sein Atmen schmeckte nach Blut. Er hastete einen steinigen Tunnel entlang. Er floh. Seine Ohren waren paranoid geworden. Ständig meinte er, etwas zu hören. Er wusste keinen Weg hinaus. Er strauchelte, fiel hin und schürfte sich die Hände auf. Schnell stolperte er wieder auf die Füße.
Um ihn waren absolute Dunkelheit und alte Luft. Der Boden war uneben und voller Steine. Die Decke war ebenso ungleichmäßig. Er stieß sich den Kopf. Er wollte fort. Der Wille war stärker als alle Müdigkeit. Nein, nicht sein Wille, korrigierte er sich. Sein Lebenserhaltungstrieb, ein Instinkt war stark. Er fühlte sich gebrochen. Das würde vergehen, das wußte er. Er stieß sich an einem Vorsprung den Arm und schrie vor Schmerz auf. Er erschrak über seine rauhe Stimme und den Hall im Tunnel.
Unbewußt war er stehen geblieben. Panik schoß ihm aus dem Bauch in die Beine und stieß ihn weiter. Er sah immer weniger. Es war stockfinster. Seine Augen waren müde. Staub und Tränenflüssigkeit hatten seine Lieder verklebt. Alles tat ihm weh. Alles war verspannt, geprellt, angeschwollen. Er könnte sich fangen lassen. Sie würden ihn weiter martern bis er starb. Nein, er erinnerte sich. Sie hatten ihm gesagt, dass sie ihn nicht töten würden. Und er hatte gelernt, ihnen zu glauben. Plötzlich änderte sich seine Umgebung.
Er blieb stehen. Die Wände waren fort. Er erschrak. Sein Herz raste. Er streckte einen Arm hoch. Die Decke war noch da. Er ging vorsichtig weiter. Wand. Er ging nach rechts. Ein Tunnel. Als er weiter ging, kam er an den Tunnel, aus dem er gekommen war. Er fand noch einen weiteren Tunnel. Aus ihm kam frische Luft. Kaum spürte er das, hatte er auch das Gefühl, es wäre heller geworden. Vollkommener Quatsch. Aber die Gewissheit von frischer Luft gab ihm Kraft. Für ungefähr acht Schritte. Dann fiel er eine kurze Treppe herunter. Er hatte sie nicht gesehen und erst gespürt, als er an ihrem Ende auf dem Boden lag. Er hatte im wahrsten Sinne des Wortes Federn gelassen. Er blutete an der linken Schulter.
Er blieb liegen. Wie Alkohol durchflutete ihn Selbstmitleid. Warm, wohlig, vertraut. Tränen stiegen ihm in die Augen. Sie waren keine Wohltat und brachten keine Erleichterung. Seine Augen schmerzten. Er setzte sich auf und lehnte sich gegen die Wand. Er war verzweifelt. Verzweiflung ist schlimmer als Angst. Angst ist dynamisch, Verzweiflung bannt. Er zog die Beine an und legte seinen Kopf auf die Knie. Beim Sturz war Sand in die Wunde an der Schulter gekommen. Sie brannte. Er hatte das Gefühl, ihm würde jemand mit Mundgeruch in den Nacken hauchen. Er zuckte zusammen. Er schrie leise. Er schoß hoch. Er starte wie besessen in die Dunkelheit. Seine müden Augen waren zu schwach um die Dunkelheit zu durchdringen. Panisch lief er weiter. Er drehte sich ständig um, strauchelte, stieß sich an Felsvorsprüngen und fiel hin. Der Gang war sehr kurvig. Er fühlte sich verfolgt. Er war sich sicher, sie direkt hinter sich zu haben. Sie spielten mit ihm. Der Gang stieg leicht an. Seine Beine zitterten. Er hatte keine Kraft mehr.

Ihm entging, dass die Luft besser wurde. Er war zu panisch um sich denken zu können, dass ihm der Wind den Nacken gestreichelt hatte. Es war niemand in seiner Nähe. Er wurde verfolgt, ja, aber sie waren noch unsicher, wohin er gflohen war. Sie suchten ihn überall. Die Untergebenen hatten so viel Angst, ihn nicht zu finden, wie er Angst hatte, gefunden zu werden. An diesem Ort war niemand frei.

Er trottet nur noch. Stolperte so vor sich hin. Hauptsache fort. Es wurde heller. Es wurde wirklich heller. Und jetzt schmeckte auch die Luft besser. Er hob den Kopf. Der Tunnel stieg steil und ging überhaupt nicht mehr gerade aus. Lauter Kurven. Während des Anstiegs stützte er sich an der Wand ab. Zog sich mehr hoch, als dass er ging.
Da. Das Ende des Tunnels. Er stand in einem Loch in einer Felswand. Unter ihm war das Meer. Über ihm war der Himmel. Er lachte. In seinen Augen brannte das Sonnenlicht. Die Freiheit. Er genoß die frische Luft. Zu seinen Füßen fiel der Fels ab bis er vom Wasser verschluckt wurde. Er war erleichtert. Er hörte ein Geräusch im Tunnel. Sofort war die Angst wieder in ihm. Er konnte nicht springen. Das Wasser war wild. Er sah kein Land. Panikerfüllt blickte er nach oben. Nichts. Keine Chance, an dieser Wand zu klettern.
Da erinnerte er sich seiner Flügel. Er riss sich die weite Tunika vom Leib. Geräusche im Tunnel. Er zwang sich zur Ruhe. Er drehte seinen Kopf um seine Flügel zu sehen. Ja, sie waren da. Er spürte sie. Es war, als würde er ein zweites Paar Arme ausbreiten. Sie schmerzten. Sie waren gemartert worden. Sie hatten Flecken von Blut und Schmutz. Sie glänzten nicht mehr. Es fehlten viele Federn. Schritte im Tunnel. Angst in ihm.
Er sprang. Er flog. Er lachte. Nein, er blickte nicht zurück. Nie. Worauf auch?

Er war müde. Er hatte Schmerzen. Er flog. Er war am Ende seiner Kräfte. Er hatte Land gefunden und er flog darauf zu. Seit Stunden schon. Es war nun wirklich nicht mehr fern. Aber nicht nah genug. Jeder Muskel in seinen Flügeln schmerzte. Er könnte sich fallen lassen. Einfach so. Da durchschoß ein Gedanke sein müdes Hirn.Viel zu schnell, als dass er ihn hätte fassen können. Der Gedanke war nett und kam wieder, langsam. Es war eine Erinnerung. Die, die seine Flügel gemartert hatten, hatten gesagt, er sei ein Engel. Irgendwann in all den Tagen die sie ihn nicht hatten schlafen lassen. Irgendwo zwischen Qualen, Angst und Pein war das gewesen. Er erschrak über diese Erinnerung und kam aus dem Takt. Er überschlug sich fast in der Luft und fiel. Hektisch versuchte er, sich zu fangen. Knapp über der Wasseroberfläche gelang es ihm. Schnell stieg er wieder. Das Land war nah. Nicht mehr lang, nicht mehr weit. Ruhig, bleibe ruhig mein Kind.
Ein Engel. Absurd. Alles, was in seiner Vergangenheit gewesen war, war tot. Oder Trümmer. Alles so absolut vergangen, wie es nur sein kann. Er wollte Gott finden. Und ihn fragen, ob sie recht hatten.
Er sank. Dem Land entgegen. Er landete auf einem Strand voller Steine. An den Strand grenzte Wald. Beim Landen strauchelte er und fiel hin. Langsam richtete er sich auf. Er hatte Hunger. Er hatte Durst. Er wollte schlafen. Im Wald knackten Äste. Jemand; etwas kam.

Freche Fragen schaden nie

Gutenachtgeschichten — schuehsch @ , 00:27

An der Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern klebten viele Aufkleber. Auf einem stand “Freche Fragen schaden nie”. Ich fand das irgenwie… herausfordernd. Ich habe der Herausforderung immer widerstanden.

Es kommt mir so vor, als würde ich zwei Dinge ständig gefragt. Und zwar immer dann, wenn ich erzählt habe, was ich studiere. Zu erst kommt immer die Frage: Und was willst du damit werden? Und ich sage immer das selbe: Glücklich. Wobei das eigentlich falsch ist, weil ich es bin und natürlich bleiben will und bestimmt auch bleiben werde, aber nicht studiere, um es zu WERDEN sondern um es zu SEIN. Von daher ist die Antwort nur fast richtig, in jedem Falle aber verständlich. Und dann kommt die Frage: und was ist dein Lieblingsbuch? Und da würde ich am liebsten antworten: wenn ich nur ein Lieblingsbuch hätte, würde ich nicht Literaturwissenschaften studieren sondern BUCHwissenschaften – benutze dein Hirn! bzw: Gott, lass Hirn regnen – ich will ja gar nicht behaupten, das alle genug haben. Ja. Also: Ich mag viele Bücher. Ich habe kein einziges Lieblingsbuch. Es gibt ein paar, die wirklich gut sind. Es gibt solche, die sind unterhaltend und nett zu lesen (Der Herr der Ringe, Die unendliche Geschichte, Das bleiche Herz der Revolution, Stupid white Men, Der Vorleser, Versuch über die Liebe, Spiele der Erwachsenen) und es gibt solche, die zu interpretieren ist ein Genuss (Iphigenie auf Tauris, Die Weber, Frühlings Erwachen, Götz von Berlichingen, Die Räuber (sehr auffällig – alles Theaterstücke und nur aus drei Epochen)) weil sie voller Absicht und Konzept – einfach gut durchdacht sind. Ich interpretiere eben so gerne, wie ich lese.

Fragt man jemanden, der Maschinenbau studiert nach seiner Lieblingsmaschine? Fragt man jemanden, der Biologie studiert nach seinem Lieblingstier? Einen angehenden Chemiker nach seinem Lieblinsgelement? Leute!

Wenn ihr einen Literaturwissenschaftler etwas zu seinem Fach fragen wollt und wirklich an einem Gespräch interessiert seid, fragt sowas (ja, machnmal bin ich zu gut für diese Welt): Wie hast du das gemacht, dass dir in der Schule nicht das Lesen vergangen ist? Welche Epoche bewunderst du wofür am meisten? Wer war größer: Goethe oder Schiller?

“Erst denken, dann fragen” ist mindestens genauso toll wie “Erst fragen, dann schießen”.

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